V. THEOLOGISCHE BEGUTACHTUNG

Nachdem der Bericht über die Consulta Medica im Druck vorliegt, wird das gesamte Dossier zur theologischen Begutachtung weitergeleitet.


1. Begutachtung des Falles durch die Theologenkonsultoren

Die Theologenkonsultoren treffen sich nach Studium des Falles und Abfassung der entsprechenden Urteile in einem Congressus peculiaris, um den Fall zu erörtern. Ihre Aufgabe ist hierbei eine zweifache:

Abb. 3: Thomas Abraham Athialil

 

a) Bestätigung des Wundercharakters der Heilung, die von den Sachverständigen als nach medizinischem Wissen nicht erklärbar eingestuft wurde.
Hat die Consulta Medica die Heilung einstimmig für natürlich nicht erklärbar befunden, können die Theologen, unter Beachtung aller Gegebenheiten, unter denen das Ereignis zustandekam, die Heilung leichter einem außergewöhnlichen Einwirken Gottes zuschreiben, als wenn nur die relative Mehrheit vorliegt. Hier müssen die äußeren Umstände ein zusätzliches Gewicht haben.
b) Bestätigung des kausalen Zusammenhangs der Anrufung des Dieners Gottes bzw. des Seligen mit dem wundersamen Ereignis, um das Wunder der Fürsprache desselben zuschreiben zu können.

Anhand der von den Zeugen geschilderten Umstände ist dieser Zusammenhang zwischen der Anrufung der Dieners Gottes bzw. des Seligen und dem wunderhaften Ereignis am einfachsten dann herzustellen, wenn auf die Anrufung plötzlich die Heilung folgt, die mit natürlichen Mitteln nicht zu erklären ist.

a) Heilung

Beim angeführten Fall ist der Zusammenhang zwischen Anrufung und Heilung wie folgt dokumentiert:

Sr. Alfonsa stand schon bei ihrem Tod am 28. Juli 1946 im Ruf der Heiligkeit. Daher setzten die Verwandten und Eltern von Thomas Abraham Athialil, nachdem sie für ihren Sohn auch von der Medizin keine Hilfe mehr erwarten konnten, ihre letzte Hoffnung auf Sr. Alfonsa.

Es war vor allem die Großmutter von Thomas, die an eine Wallfahrt zum Grab von Sr. Alfonsa in Bharananganam dachte.

Am 27. Jänner 1947 machte Thomas diese Wallfahrt zusammen mit seinem Vater und anderen Familienangehörigen. Sie besuchten das Grab und das Zimmer der verstorbenen Schwester im Kloster der Klarissen. Dann kehrten alle mit einem Fahrzeug nach Hause zurück. An Thomas' Füßen hatte sich nichts geändert; er aber betete von da an ständig um seine Heilung47 , worüber er in der Zeugenaussage wie folgt berichtet:

"Als ich am Abend des 29. Jänner 1947 zu Bett ging, waren meine Füße wie früher im selben deformierten Zustand. Als ich am folgenden Morgen aufstand und ins Bad ging, bemerkte meine Tante, dass die Füße geheilt waren, und sagte es meinem Großvater. Erst da wurde mir bewusst, daß meine Füße gesund waren. (Abb. 3)

Meine Eltern und ich - wir freuten uns sehr über die Heilung und dankten Schwester Alfonsa."48

b) Beurteilung

Alfonsa
Abb.4: Sr. Alfonsa ( Anna Muttathupadathu
von der Unbefläckten Empfängnis

Während für die ärztlichen Fachexperten vor allem die klinische Dokumentation zählt, sind für die Theologen zur Begutachtung des Falles in erster Linie

die Augenzeugenberichte von Bedeutung, die im Verlauf der Diözesanerhebung gesammelt wurden. Sie setzen sich daher berechtigterweise auch mit dem Wert des Beweisapparates auseinander. Aus diesem Material muss der Zusammenhang mit der Anrufung des Dieners Gottes bzw. des Seligen offensichtlich werden. Dieser Beweis kann nur als Indizienbeweis erbracht werden, da ein Kausalzusammenhang im empirischen Sinne zwischen immanentem Ereignis und transzendenter Einwirkung aufgrund seiner Raum-Zeit- bzw. Materie-Gebundenheit grundsätzlich nicht möglich ist.
Der hier im Fall Thomas Abraham Athialil dokumentierte Zusammenhang von Anrufung und Heilung ist jedoch nicht zu leugnen. Ob nun tatsächlich Alfonsa die Heilung bewirkt hat, ist letztlich nicht zu beweisen, weil wir keine jenseitige Kontrolle machen können. Aus dem gleichen Grund ist aber auch ein Gegenbeweis nicht anzutreten.
Die von den Theologenkonsultoren gemachte Annahme, dass die Heilung von Thomas durch die Fürbitte der Dienerin Gottes Alfonsa erfolgte, ist indizienhaft untermauert und logisch nachvollziehbar.
Hier kommt nämlich die einleitend bei der Darlegung von Heiligkeit und Heiligenverehrung erwähnte theologische Auffassung zum Tragen, wie sie auch der hl. THOMAS von Aquin vertrat und die einen Grundgedanken der Heiligsprechung darstellt: dass nämlich Gott zum Beweis der Heiligkeit einer verstorbenen Person ein Wunder wirken kann.49

2. Prüfung des Falles durch Kardinäle und Bischöfe

Nachdem die Gutachten der Theologenkonsultoren im Druck vorliegen und der Positio super miraculo beigefügt sind, wird über den Fall in einer Congregatio ordinaria der Kardinäle und Bischöfe, die Mitglieder der Heiligsprechungskongregation sind, beraten. Vorher wird vom Präfekten des Dikasteriums für die betreffende Causa ein Referent ernannt, der über den Fall berichtet, worauf die einzelnen Mitglieder dann ein persönliches Urteil abgeben.

3. Urteil des Papstes

Im Anschluss daran informiert der Präfekt der Heiligsprechungskongregation den Papst über das Ergebnis der Congregatio ordinaria. Dem Papst ist das letzte Urteil vorbehalten.
Bei Approbation der Beschlussfassung der Congregatio ordinaria durch den Papst ordnet dieser den Erlass des diesbezüglichen Decretum super miraculo an. Damit wird die wissenschaftlich für nicht erklärbar erachtete Heilung zur Wunderheilung.

47 Alfonsae ab immaculata Conceptione Positio super miraculo, Informatio super miro, S. 20 - 21.
48 Ebd., S. 21.
49 Thomas von Aquin: Summa Theologiae (1962), 2, 2. quaest. 178, art 2, S 1776.

I.Geschichte - II. Kanonisationsverfahren - III. Consulta Medica - IV. Medizinisches Gutachten - V. Theologische Begutachung - VI. Wunderheilung

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch