ANDREAS RESCH

PARANORMOLOGIE

DIE WELT DES AUSSERGEWÖHNLICHEN

 

IX. NEW AGE

Während sich der Spiritismus um die Verbindung mit der Geisterwelt bemüht, entwickelte sich nach 1950 im Zugang zur Jahrtausendwende eine Vielfalt von Vorstellungen über Leben und Welt, die sich unter dem Begriff des "New Age", des Neuen Zeitalters, weltweit verbreiteten, zumal sie Gedankengut aus aller Welt enthalten.

1. Wassermannzeitalter

Hinter dem Begriff "Neues Zeitalter" steht zunächst das Motiv des Endes eines astronomischen Zeitalters. Die Sonne geht - nach Vorstellung der Astrologen - vom Tierkreis der Fische in den Tierkreis des Wassermanns über, und jedesmal, wenn sie infolge der Präzession des Frühlingspunktes das Tierkreiszeichen wechselt, ereigne sich eine Kulturrevolution vor allem im religiösen Bereich.
So trat die Sonne 4320 in das Zeichen des Stieres und in Ägypten, Kreta und Mesopotamien hatten die Religionen den Stier als göttliches Symbol. 2160 trat die Sonne in das Zeichen des Widder und es gab die mosaische Religion mit dem Widder als Symbol der Gottheit. Am 21. März des Jahres vor unserer Zeitrechnung wechselte die Sonne in das Zeichen der Fische als Symbol Christi: Ichthys (Fisch) = Iesus Christos Theou Yios Soter (Jesus Christus, Gottes Sohn, Retter). Nun gehe der christliche Zyklus zu Ende, denn im Jahre 2160 geht die Sonne in den Wassermann über.
Nach anderen Berechnungen (man rechnet einfach mit einem Zyklus von 2000 Jahren) sei dieser Einstieg bereits geschehen, gerade im Gange oder stehe unmittelbar bevor. Jedenfalls wurde vom Musical Hair mit dem Lied "This is the dawning of the age of Aquarius" (Das ist der Beginn des Wassermannzeitalters) der Beginn des Neuen Zeitalters bereits 1967 feierlich eingeleitet. (Abb. 37) Im Gegensatz zum Fischzeitalter mit der christlichen Lehre von göttlicher Ordnung und Gottesverehrung soll das Wassermannzeitalter von Androgynität, dem Aufheben der Geschlechtsunterschiede, d. h. aller Gegensätze, durch innere Erleuchtung gekennzeichnet sein, frei von jeglicher Form der Transzendenz.

2. Lehre

Die Wurzeln dieses Denkens sind jedoch weit vielschichtiger und reichen von magischen, gnostischen, alchemistischen und materialistischen Vorstellungen über östlich religiöses Gedankengut, die Esoterik, vom wissenschaftlichen Fortschrittsglauben der Nachkriegszeit und den emotionalen Aufbrüchen von Bewegungen - wie Blumenkindern, Hippies, der Sexwelle, die dann von der Drogenszene aufgesaugt wurden - über die Unterhaltungsszene der Beatles, des Rock und Pop bis zur gegenwärtigen Lebenskultur von "grün, kosmisch gesund und erleuchtet".
Will man die übereinstimmenden Vorstellungen zusammenfassen - eine einheitliche Bewegung ist aufgrund der Vielschichtigkeit nicht gegeben -, so lässt sich folgendes ausmachen:

- Das Neue Zeitalter ist ganz allgemein gekennzeichnet von der Harmonisierung der Gegensätze durch das kosmische Bewusstsein. Gott wird zum inneren Gesetz im Sinne von kosmischer und individueller Lebensenergie und schöpferischer Kraft.

- Der Mensch ist Teil des Göttlichen und als individuelle Lebensenergie Gott selbst. Er nimmt teil am kosmischen Bewusstsein und ist somit der individuellen Begrenzung enthoben. Er stirbt zwar, doch davon spricht man nicht, denn schließlich kommt er dem Kreislauf des Lebens folgend wieder, durch Reinkarnation. Ein Jenseits im religiösen Sinn gibt es nicht.

- Die Welt ist nur Manifestation oder Emanation des reinen Geistes; sie steht im ständigen Wandel, verschwindet und kehrt wieder im ewigen Rhythmus. Da die Trennung von Subjekt und Objekt aufgehoben ist, bilden Natur, Mensch und Kosmos eine Einheit.

- Der Gegensatz von Gut und Böse ist durch die Harmonie des Ganzen aufgehoben, die sich in Kooperation, Altruismus und Erleuchtung kundtut.

- Einer Erlösung im christlichen Sinne bedarf es nicht mehr, da der Mensch durch die Erleuchtung am kosmischen Bewusstsein teilnimmt und damit jede Form der Individualität und somit der Trennung übersteigt. Wo Harmonie ist, gibt es keine Werte, und wo es keine Werte gibt, braucht es auch keine Erlösung.

Aus diesen Grundeinstellungen ergeben sich für die konkrete Welt- und Lebensbetrachtung folgende Neugestaltungen:

- Das analytische und sondierende Denken hat versagt, daher ist ganzheitliches Denken gefordert, nicht Analyse, sondern Synthese.

- Die Trennung von Subjekt und Objekt ist aufgehoben; Subjekt und Natur bilden eine Einheit, was besonders in einem ökologischen Bewusstsein zum Tragen kommt: Das Heil des Selbst ist das Heil der Umwelt.

- Die rationale Lebensgestaltung mit ihren Normen und Plänen ist durch Vitalisierung und Erotisierung zu überwinden und durch Betonung von Körperlichkeit und Leben zu ersetzen.

- Die rationale Weltbetrachtung ist in einer ganzheitlichen Sicht durch Integration von Kosmos und Spiritualität zu überwinden und durch Visionen (innere Vorstellungen) zu erweitern.

-Der Pragmatismus ist durch Kooperation und Synthese zu ersetzen.

- Die Technisierung ist durch eine Wiederbeseelung der Natur und durch Selbsterfahrung zu beleben.

u Statt Arbeitsethik ist die Kultur der Selbsterfahrung und Selbstentwicklung in kosmischer Harmonie zu fördern.

- An die Stelle von Mann und Frau hat Androgyn, Mannfrau, zu treten.

Diese hammersatzartigen Formulierungen machen deutlich, wie man die Gegensätze zu überwinden gedenkt. Ob dies je möglich sein wird, darf bezweifelt werden. Damit soll nicht gesagt sein, dass die einzelnen Aussagen nicht auch ein berechtigtes Korrektiv einer völlig rational-funktional-pragmatischen Lebensgestaltung gegenwärtiger Gesellschaftsstrukturen beinhalten. Bei aller Synthese wird man aber auf die Analyse nicht völlig verzichten können und Androgyn wird das Leben des Mannes und der Frau nicht ersetzen. Vor allem aber geht die Ausklammerung von Leid und Tod an jenen Elementen des Lebens vorbei, welche die ersehnte Harmonie stets neu durchbrechen und mit einem reinen Diesseitskonzept nicht zu beantworten sind.53

53 E. GRUBER / S. FASSBERG: New-Age-Wörterbuch (1986); E. GRUBER: Was ist New Age (1987); H.-J. RUPPERT: New Age (1988);   BOCHINGER, Christoph: "New Age" und moderne Religion (1996)

 

X. SCHLUSSBEMERKUNG

Mit diesen stichwortartigen Ausführungen konnte nur ein grober Einblick in einige Weltbilder der Paranormologie gemacht werden. Die ganze Thematik ist zu umfangreich und in vielen Bereichen noch völlig unerforscht, um auf nähere Einzelheiten eingehen zu können. Dennoch hoffe ich, die Grundstrukturen der paranormologischen Weltbetrachtungen eingefangen zu haben, um dem Interessierten einen Einstieg in dieses unüberschaubare Grenzgebiet zu erleichtern, das an der Wurzel aller anderen Weltbilder steht.


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