Conrad Martius, Hedwig

Conrad Martius, Hedwig (* 27.02.1888 Berlin; † 15.02.1966 Starnberg bei München), Phänomenologin.
Als Tochter des Arztes Friedrich Martius und dessen Gattin Martha begann sie als eine der ersten Frauen in Deutschland nach dem Abitur ein Universitätsstudium. Sie studierte zuerst Literatur und Geschichte in Rostock und Freiburg, dann Philosophie, Psychologie und Kunstgeschichte in München und Göttingen. Nach der Promotion 1912 bei Pfänder wurde C. in den Schülerkreis Edmund > Husserls aufgenommen und heiratete dessen Mitglied Theodor Conrad. Ihr folgten später Edith Stein und in Freiburg Gerda Walther.
Die nach dem Ersten Weltkrieg entstandenen Arbeiten wurden von den Nationalsozialisten verboten. 1949 erhielt C. an der Universität München einen Lehrauftrag für Naturphilosophie und 1955 eine Honorarprofessur.
Mit ihrem Hauptwerk Der Selbstaufbau der Natur (1944) trat sie das Erbe von Hans > Driesch in der Naturphilosophie an. Sie betont, dass dem Lebendigen etwas eignet, das weder physisch noch psychisch sei, aber auch nicht transzendent. Es handle sich dabei um die eigenen inneren Bedingungen der Natur. Hinsichtlich der Kausalität vertritt C. die Ansicht, dass die exakt-naturwissenschaftliche Betrachtung der Natur mit ihrer Methodik die wahren vollkausalen Begründungszusammenhänge gar nicht erreiche, weil sie sich immer nur auf die funktionellen Bedingungskausalitäten beziehe. Die organische wie die anorganische Natur erhebt sich selbst aus den ihr zugrunde liegenden Potentialitäten (z. B. entelechialer Art) zu ihrer vollen substantiellen Gestaltungswirklichkeit.
In ihren Arbeiten zu Raum und Zeit folgert C., dass die Zeit nur dadurch endlich werden kann, wenn sie als zyklisch mit sich selbst zusammengeschlossen gesehen wird, da eine „geradlinige“ Zeit ins Unendliche verläuft. Als zyklische Zeit verwandelt sie sich zwar in eine endliche, aber unbegrenzte Zeit, im Unterschied zum Raum.
Von ihrem Zeit- und Entelechie-Verständnis wurde Burkhard > Heim bei seinen Begriffen von > Entelechie und >
Äon inspiriert.

W. (Auswahl): Der Selbstaufbau der Natur, Entelechien und Energien. Hamburg: Goverts, 1944; Die Zeit. München: Kösel, 1954; Der Raum. München: Kösel, 1958; Die Geistseele des Menschen. München: Kösel, 1960.

 

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 3