Clementinen

Clementinen, erster christlicher Roman (meist „Pseudo-Clemens“ genannt) und davon entlehnter Name einer gnostischen Sekte. Der Roman rankt sich um den fiktiven Ich-Erzähler, den späteren Bischof Clemens von Rom, sowie um den Apostel Petrus. Die C. liegen in zwei Fassungen aus der Zeit um 300 n. Chr. vor, und zwar als griechische Homilien (Predigten) und als ursprünglich griechische, heute nur in der lateinischen Übersetzung des Tyrannius Rufinus von Aquileia (ca. 345–411/12) sowie zum Teil in syrischer Übersetzung erhaltene Recognitionen (Wiederkennungsromane). Eine weitere Rezeption spiegelt sich in den mittelalterlichen Auszügen aus den Homilien unter dem Namen Epitome (Auszüge) wieder.
Für die C. war ein Gott der Weltschöpfer mit geistigem, anthropomorphem und pantheistischem Wesen. Bei der Entstehung der Welt verwandelte sich die ursprüngliche Materie durch den alles durchdringenden Geist Gottes in die vier Elemente Luft, Wasser, Feuer und Erde, aus deren Mischung die Welt hervorging, welche von > Satan beherrscht wird und die der künftigen vom Gottessohn beherrschten Welt gegenübersteht. Christus ist die rechte Hand Gottes, Satan die linke. Beide zusammen bilden die erste Syzygie (Gegensätzlichkeit).
Das Gesetz der Gegensätze ist auch das Gesetz dieser Welt: Himmel und Erde, Tag und Nacht, Männliches und Weibliches. Christus, der Letzte des wahren Prophetentums, ist identisch mit dem Sohn Gottes und andererseits mit dem Urmenschen Adam. Eine Erlösung durch Christus gibt es nicht. Christus hat vielmehr nur die Aufgabe, den Menschen das Wesen und den Willen Gottes kundzutun, damit diese die Wahrheit erkennen und den göttlichen Willen erfüllen.
In der Lehre der C. spielt auch ein legendäres Gespräch des als „Vater der Gnosis“ bezeichneten  > Simon Magus mit dem Apostel > Petrus über die Unsterblichkeit der Seele eine große Rolle. Während die Seelen der Gerechten das ewige Leben erlangen, werden die Seelen der Gottlosen für ihre bösen Werke von einem Flammengeist umgeben.
Die C. lehren die Wiederkunft Christi und die Auferstehung des Fleisches, die sonst bei den Gnostikern abgelehnt wird. Das von Gott geschaffene Universum besteht aus zwei Teilen, die durch das Firmament geschieden sind und dereinst, wenn Anfang und Ende dieses Universum mit der Unendlichkeit der künftigen Welt verschmelzen, zusammengefügt werden.
Die Spekulationen der C. sollen auf die späteren Johannes-Christen, die Sâbier, Mandäer, den Islam und nicht zuletzt auf die > Illuminaten des 18. und 19. Jahrhunderts Einfluss ausgeübt haben.

Lit.: Uhlhorn, Johann Gerhard W.: Homilien und Recognitionen des Clemens Romanus nach ihrem Ursprung und Inhalt dargestellt. Göttingen, 1854; Waitz, Hans: Die Pseudoklementinen: Homilien und Rekognitionen; eine quellenkritische Untersuchung. Leipzig: Hinrichs, 1904; Frick, Karl R. H.: Licht und Finsternis II. Teil 1: Ursprünge und Anfänge. Graz: Akadem. Druck- u. Verlagsanstalt, 1975.

 

 

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 3