Chymische Hochzeit

Chymische Hochzeit, Vereinigung der polaren Gegensätze als > coincidentia oppositorum. In der hermetisch-alchemistischen Symbolik ist C. die Bezeichnung des chemischen oder geistigen Schöpfungsaktes, der für die Geburt des Neuen nötig ist (> Androgyn). Da man sich Materie auch als belebt vorstellte, erschien die grundlegende Vereinigung der Gegensätze als C. von männlichem > Sulphur/Schwefel (Vater) und weiblichem > Mercurius/Quecksilber (Mutter), die eine neue Substanz (Kind, Sohn) (er-)zeugen, welche bisweilen wieder als Mercurius bezeichnet wurde. Bekannt wurde dieses Symbol besonders durch die 1616 in Straßburg erschienene allegorische Erzählung „Die chymische Hochzeit Christiani Rosenkreutz. Anno 1459“, die auf Johann Valentin > Andreae zurückgehen soll.
In ihr wird in allegorischer und manchmal satirischer Form der Einweihungsweg des vermeintlichen Verfassers beschrieben. Nach Jahren der Meditation wird der gealterte Held von einem Engel besucht, der ihm eine Einladung zur „Hochzeit des Königs überreicht“. Nachdem er im Traum die Bestätigung erhalten hatte, dass er durch Gottes Gnade auf Erlösung hoffen darf, macht sich Rosenkreutz auf den Weg. Geheimnisvolle Zeichen, die den Weg zum Schloss als hermetischen Einweihungsweg verschlüsseln, leiten ihn. Im Schloss trifft Rosenkreutz viele andere Gäste, die alle auf ihre Würdigkeit hin geprüft und in einen Orden unter dem Zeichen des > Goldenen Vlieses aufgenommen werden. Die Auserwählten werden auf sieben Schiffen zu einer Insel gebracht, wo sie Zeugen komplizierter alchemistischer Operationen werden. Am Ende lernt Rosenkreutz den jungen König kennen, darf den Eingang des Schlosses bewachen, das Schloss selbst aber nicht betreten. Die letzten fünf Seiten gibt der Autor als verschollen aus.
Zu den zahlreichen alchemistischen Darlegungen gehört auch die Aussage: „Des Mondes Schein wird sein wie der Sonnen Schein, und der Sonnen Schein wird siebenmal heller sein als jetzt“, womit die > coniunctio der männlichen Sonne (sol)  mit dem weiblichen Mond (luna) gemeint ist.  Die Vereinigung der polaren Gegensätze ist aber nicht nur ein äußerer Vorgang, sondern auch eine Allegorie des inneren, seelischen Wandlungsprozesses eines Menschen.
Das Werk hat aufgrund der zahlreichen alchemistischen Themen, seiner Symbolik der spirituellen Wiedergeburt, der Beschreibungen des Wunderbaren  und seines Einflusses auf den > Hermetic Order of the Golden Dawn im 19. Jh. auch im okkulten und esoterischen Denken von heute einen besonderen Stellenwert. Die C. erfüllt nämlich die Sehnsucht des Menschen nach dem Wunderbaren, nach der Fortsetzung der Träume ihrer Kindheit und nach einem Zufluchtsort vor der Nüchternheit des Alltags.

Lit.: Kosmologische Betrachtungen zur chymischen Hochzeit Christiani Rosencreutz anno 1459/Chymische Hochzeit Christiani Rosencreutz Anno 1459.  Moos-Weiler/Bodensee: Akad. für Phänomenologie und Ganzheitswiss., 1991; Andreae, Johann Valentin: Die chymische Hochzeit des Christian Rosencreutz. Stuttgart: Verl. Urachhaus, 2001.

 

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 3