Chiromantie

Chiromantie (griech. cheir, Hand; manteia, Wahrsagung; cheiromanteia, Handlesekunst; engl. chiromancy, ital. chiromanzia), Weissagung aus den Formen und Linien der Hände über das Schicksal des Menschen im Unterschied zur > Chirologie, die aus den Innenhandformen und -linien den Charakter des Menschen zu deuten versucht.
Geschichte
Schon im frühesten Altertum war man der Auffassung, dass die Hände sowohl durch ihre Form als auch durch die darauf befindlichen Linien, Furchen, Erhöhungen und sonstigen Zeichen einen Schluss auf die körperlichen und geistigen Fähigkeiten eines Menschen und dessen zukünftige Schicksale zulassen. Man nimmt an, dass die alten Chinesen 3000 v. Chr. damit begannen, Form, Linien und Färbung der Hand zu untersuchen. Auch in Babylonien, Ägypten und Assyrien diente die Hand zur Schicksalsbestimmung. Die ersten gesicherten Hinweise finden sich in der indischen Literatur der vedischen Zeit (um 2000 v. Chr.) und im Westen in den Werken des  Aristoteles (384–322 v. Chr.), für den die Hand „das Organ der Organe“ und ein Vorzeichen für ein langes Leben ist (Hist. animal. I, 15). Schon in der Bibel steht: „Er versiegelt die Hand aller Menschen, sodass alle Welt sein Tun erkennt“ (Ijob 37,7).
Theoretisch wurde die C. jedoch durch > Artemidoros von Daldis (2. Jh. n. Chr.) und die Philosophin Hypatia (4. Jh. n. Chr.) popularisiert. Die Araber setzten die Entwicklung fort (Omar). Wichtige Beiträge lieferten auch > Albertus Magnus (um 1200–1280), der spanische Arzt > Arnold von Villanova (um 1235–1311), Johann > Hartlieb (um 1400–1468); > Paracelsus (um 1493–1541) und Robert > Fludd (1574–1637). Das älteste gedruckte Werk über C. ohne Ort und Jahr ist der dann ab 1481 in mehreren Ausgaben erschienene Traktat: „Ex divina philosophorum academia secundum naturae vires ad extra chyromanticio diligentissime collectum (1504), der bereits eine durchgeführte Disposition und eine umfassende Statistik aufweist und späteren Darstellungen als Muster diente. Die Blütezeit der C. (16.–18. Jh.) brachte eine reichhaltige Literatur hervor, meist in Form akademischer Leitfäden in lateinischer Sprache, darunter die umfassende Schrift Physiognomiæ et Chiromantiæ Compendium von Bartholomäus > Cocles (1504) und die Arbeiten von Johannes ab > Indagine = von Hagen (um 1522), Ingenbert (1689), > Goclenius (1692) und > Prätorius (1699). Abuhaly Ben > Omars „Astrologia terrestris“, 1703 aus dem Arabischen übersetzt (Hasan), ist besonders wertvoll für die Kenntnis des Zusammenhangs von astrologischem und chiromantisch-metoposkopischem System. Noch Anfang des 18. Jh. wurden an den meisten deutschen Universitäten eigene chiromantische Kollegien abgehalten, so in Jena, Halle und Leipzig, denn die C. fand auch  Interesse unter Gebildeten. Im 19. und 20 Jh. versuchten C. S. d’ > Arpentigny (1843) und K. G. Carus (1927) der C. eine wissenschaftliche Seite abzugewinnen und einen haltbaren Kern darin nachzuweisen.
In neuester Zeit wurde die C. zu einem Betätigungsfeld der Esoterik in Form von Selbsterfahrung, Lebensdeutung und Zukunftsweisung.
Was den Inhalt der C. betrifft, so lassen sich, abgesehen von den zahlreichen Einzeldeutungen, folgende Grundlinien in Theorie und Praxis ausmachen: Die ganze Hand nach Gestalt, Größe und Beschaffenheit sowie die Handlinien.
Hand
Die Hand wird nach d’Arpentigny in folgende 7 Typen unterteilt, die auf der ganzen Welt vorkommen: 1) die „elementare“ oder „breitflächige Hand“, Symbol der Kraft ohne besondere Verstandesfähigkeiten; 2) die „Spatelhand“ mit ihrer eigentümlichen Form der Fingerenden, die dem intelligenteren Arbeiterstand angehört; 3) die „artistische“ oder „Künstlerhand“, die durch geringere Breite sowie durch Länge und Schlankheit der spitz endenden Finger eine vornehmere Form aufweist und bei Künstlern zu finden ist; 4) die „eckige Hand“ mit breiter Handfläche, Vierschrötikgeit und Knotikeit der Finger, die sie der starken Entwicklung der Fingergelenksknöchelchen verdankt und Verhaltensformen in Richtung Pedanterie versinnbildlicht; 5) die „philosophische Hand“, die einen Handrumpf von mittlerer Größe mit keulenförmig endenden Fingern aufweist und bei Leuten gefunden wird, die streng logisch denken; 6) die „psychische Hand“, sie gilt als der edelste und schönste Typus, klein, zart, wohlgeformte Finger, und findet sich häufiger bei Frauen als bei Männern; 7) die „gemischte“ Hand vereint zumindest zwei der angegebenen Typen, ist daher schwer zu beurteilen, spricht jedoch für Vielseitigkeit („Allerweltgenie“). 
Die fünf Finger der Hand und ihre „Berge“ werden meist verschiedenen Planeten zugeordnet: Daumen: Venus, Zeigefinger: Jupiter, Mittelfinger: Saturn, Ringfinger: Sonne, Kleiner Finger: Merkur, die Mitte der Handfläche: Mars; der dem Daumen gegenüberliegende Berg: Mond.
Handlinien
Neben den Handtypen sind die Handlinien (lineae incisurae) von besonderer Bedeutung. Sie werden in Hauptlinien und Nebenlinien eingeteilt. Die wichtigsten sind:
Lebenslinie (linea vitae), sie beginnt zwischen Daumen und Zeigefinger, verläuft in Richtung Handgelenk und offenbart die Lebensenergie und Lebenserwartung.
Herzlinie, sie verläuft durch die obere Mittelhand zwischen Zeige- und Mittelfinger bis zur äußeren Handkante unterhalb des kleinen Fingers und kennzeichnet das Gefühlsleben.
Kopflinie, sie beginnt über dem Ausgangspunkt der Lebenslinie (zwischen Daumen und Zeigefinger), verläuft parallel zur Herzlinie in der Mitte der Hand und drückt die geistigen Fähigkeiten und Begabungen aus.
Schicksalslinie (Saturnlinie), sie beginnt in der Mitte des Handgelenks, zieht bis unter dem Mittelfinger und steht für Ereignisse des Lebens.
Zudem gibt es noch Nebenlinien, die jedoch nicht bei allen Menschen vorhanden sind, wie die Intuitions- und die Sonnenlinie.
Der Handdeuter stellt fest, ob die Linien deutlich oder nur schwach ausgeprägt, gerade oder verzweigt sind; er beachtet noch weitere bedeutungsvolle Zeichen wie Gabeln, Punkte und Sterne und formuliert dann die entsprechende Deutung.
Persönliche Erfahrung und Einfühlungsvermögen können zu beeindruckenden Aussagen führen. Eine Sicherheit gibt es jedoch nicht, insbesondere nicht, wenn die Zukunft angesprochen wird.

Lit.: Indagine, Johannes ab: Introductiones Apotelesmaticae elegantes in Chyromantiam, Physiognomiam, Astrologiam naturalem, Complexiones hominum, Naturas Planetarum. Cum periaxiomatibus de faciebus Signorum, & canonib. de aegritudinibus, nusqu[am] fere similitractata compendio. Argentorati: Schott, 1522; Barptolomaei Coclitis Bononiensis, naturalis Philosophiæ ac Medicinæ Doctoris, Physiognomiæ et Chir omantiæ Compendium.Cocles, Bartolommeo della Rocca. Argentorati: Albertus, 1536; Hasan ibn al-Hasan Ibn al-Haitam, Abu Ali al: Astrologia terrestris Oder Irrdische Stern-Kunde ... der curiosen teutschen Welt zu Diensten übers. Freystadt, 1703; Arpentigny, Stanislas d’: La chirognomonie ou l’art de reconnaitre les tendances de l’intelligence d’apres les formes de la main. Paris, 1843; Carus, Carl Gustav: Über Grund und Bedeutung der verschiedenen Formen der Hand in Verschiedenen Personen. Berlin, 1927; Ehrlich, Miska Michael: Chiromantie: Lehrbuch der wissenschaftlichen Handlesekunst für Selbstunterricht. München: Chirome-Verl., 1951; Mangoldt, Ursula von: Zeichen des Schicksals im Bild der Hand: Anlagen und Möglichkeiten / Ursula von Mangoldt. Olten; Freiburg i. Br.: Walter, 1961; Cocles, Bartolomeo della Rocca: Phisionomi und Chiromanci: e. news Complexion-Buechlein d. Menschen Geburt, Sitten u. Geberden ... / Hannover: Edition „Libri rari“, Schäfer, 1980; Sowinski, Josef: Das Buch der orientalischen Chiromantie. Stuttgart (Botnang): Weltkugel-Verlag Sowinski, 1986.

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 3