Cao Dai

Cao Dai (vietnames., „höchster Palast“ oder „Altar“), Name für den höchsten Gott des > Caodaismus, einer religiösen nationalistischen Bewegung, die sich im Zuge spiritistischer Sitzungen im Mekong-Delta von Vietnam entwickelte, bei denen im Jahre 1919 dem Verwaltungsbeamten Ngo Van Chieu eine neue „dritte Offenbarung“ vermittelt wurde. Die „erste“ und „zweite“ Offenbarung  brachten nach diesen Vorstellungen den Konfuzianismus, den Taoismus, die Geisterverehrung, den Buddhismus und das Christentum hervor. C. soll diese vereinen und vervollständigen. Alle Gottheiten und Gründer werden zusammen mit einem kleineren Pantheon verehrt, zu dem auch Jean d’Arc und Sun Yat-sen gehören.
Gott spricht weiterhin durch Weissagungen. Die Ausübung des Gottesdienstes wird täglich viermal erwartet und es gibt eine konfuzianische und eine buddhistische Form der Ethik.
1923 begann der Geschäftsmann Le Van Trung den Caodaismus als eine starke Organisation nach römisch-katholischem Vorbild mit Papst, Kardinälen, Erzbischöfen, Bischöfen und Priestern herauszubilden, die, abgesehen vom Papst, auch durch Frauen ersetzbar sind. Die eigenwillige Liturgie verlangt unbedingten Gehorsam gegenüber dem Willen Gottes, den Glauben an die Seelenwanderung, eine vegetarische Lebensweise und den Umgang mit Heiligen. Symbol ist ein Auge im Kreis. Die beschworene Einheit zersplitterte später allerdings in zahlreiche Sekten mit eigenen heiligen Städten.
Das Interesse der Bevölkerung an C. beruht nicht zuletzt darauf, dass hier traditionelle Formen der Geisterbefragung in eine neue Bewegung integriert wurden. Die Medien bedienten sich anfangs des Tischrückens, dann des automatischen Schreibens. Dabei sollen sich besonders häufig Li T’ai-po, Sun Yat-sen, Jeanne d’Arc und Viktor Hugo manifestiert haben.
Die offizielle Proklamation des Caodaismus erfolgte 1926. Als an die zwei Mio Mitglieder gezählt wurden, entwickelte sich die Bewegung zu einer politischen und, durch ihre eigenen Armeen, militärischen Macht.

Lit.: Gobron, Gabriel: Histoire du caodaïsme: boudhisme rénové, spiritisme annamite, religion nouvelle en Eurasie. Paris: Dervy, 1948; Cao-Dài giáo-ly: Zeitschrift des Vereins der Caodaisten in der Bundesrepublik Deutschland (gemeinnütziger e.V.) = Die Lehre der Cao-Dài-Religion. München, 1987; Der Caodaismus: die Religionen Vietnams. München: Hoi Tín Hu'u Cao-Dài-Giáo Viêt-Nam, [1999?].


   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 3