C., Eva

C., Eva, Abkürzung für Eva Carrière, verh. Waespé, bekannt auch als Marthe Béraud  (1886–1943?), französisches Medium.
C. war die Tochter eines Offiziers der französischen Armee. Im Alter von 18 Jahren wohnte sie in Algier bei General Noël und seiner Frau, den Eltern ihres Verlobten Maurice, der im Kongo gefallen war. Diese stellten eines Tages besonders starke psychische Kräfte bei ihr fest und hielten mit dem Mädchen in einem Gartenpavillon ihrer Villa „Carmen“ spiritistische Sitzungen ab. Zwei Jahre lang traten wiederholt > Materialisationen auf, vor allem >
Bien Boa, ein angeblich vor 300 Jahren verstorbener Brahmane, dessen Schwester und eine junge Ägypterin. Im Sommer 1905 wurde Charles > Richet eingeladen, um die Phänomene vor Ort zu untersuchen. Richet machte neben den strengen Kontrollen auch chemische Echtheitsproben und fotografische Aufnahmen. Im November 1905 wurde die Fachwelt auf den Fall aufmerksam. Richet untersuchte C. 1906 erneut, jedoch in aller Heimlichkeit. Sein 1906 in  den Annales des Sciences Psychiques erschienener Bericht erregte großes Aufsehen, schreibt er darin doch Folgendes: „Nach ziemlich langem Warten sehe ich kaum 40 cm von mir entfernt, vor dem unbeweglichen Vorhang, einen weißen Dampf. Er gleicht einem weißen Schleier, einem Taschentuch auf dem Boden. Dieses Weiße erhebt und rundet sich. Bald ist es ein Kopf unmittelbar am Boden; es erhebt sich noch mehr, wird größer und wird zu einer menschlichen Gestalt; es ist ein Mann von kleiner Statur mit einem Bart, er trägt einen Turban und einen weißen Mantel und geht vor dem Vorhang leicht hinkend von meiner Rechten zu meiner Linken; vor dem General [Noël] angekommen, fällt er plötzlich vor dem Vorhang auf den Boden mit einem Geräusch, ähnlich dem, das ein plötzlich fallendes Skelett hervorbringen würde. 3 oder 4 Minuten später erscheint das Phantom wieder (diesmal in der Nähe des Generals), indem es sich in gerader Li­nie vom Boden erhebt, gewissermaßen aus ihm entstehend; dann kehrt es mit dem­selben Geräusch wie das letzte Mal in den Boden zurück ... es war keine Falltür vor­handen…“ (Richet, 1923, 297f.).
1908 kam C. nach Paris und wurde dort in die Familie der Bildhauerin Juliette Bisson aufgenommen, die nach eigenen Angaben 12 Jahre ohne Unterbrechung mit C. gearbeitet hat. Unter Beiziehung namhafter Gelehrter, namentlich Albert Frhr. von > Schrenck-Notzing und Gustave > Geley, versuchte sie vor allem das Phänomen der > Materialisation zu klären.
Schrenk-Notzing führte von 1909 bis 1913 in Paris Untersuchungen durch, 1912 und 1913 auch in München. Aus diesen Jahren stammen über 200 Aufnahmen von teilmaterialisierten Phantomen. In diese Zeit fallen auch besondere psychische Leistungen, wie das Automatische Lesen imaginärer philosophischer Texte, deren Niveau C. im Wachzustand nicht gewachsen war.
In den Jahren 1917/18 arbeitete Geley mit C. in seinem Labor. Fast 100 Wissenschaftler waren Zeugen der Versuche. So sagt Geley: Ich sage nicht nur, dass kein Betrug vorlag, ich sage, dass überhaupt keine Möglichkeit für einen Betrug bestand (1919, 59).
An die Geleyschen Versuche schlossen sich 1920 40 Sitzungen vor der S.P.R. in London an, die ergebnislos blieben oder schwache bzw. umstrittene Phänomen zeigten. Es wurde der nicht näher formulierte Vorwurf erhoben, C. hätte versucht, irgendwelche Materialien auszuwürgen. 15 Sitzungen mit Wissenschaftlern der Sorbonne 1922 verliefen ebenfalls erfolglos. Die von Schrenck-Notzing gemachten Aufnahmen wurden als manipuliert hingestellt. Richet wies diese Anschuldigungen zurück. Es lässt sich nämlich kaum ernsthaft behaupten, dass es sich bei den von so vielen Wissenschaftlern unter höchster Kontrolle beobachteten Materialisationsphänomenen nur um Betrug und Einbildung handelte.
Bei den Untersuchungen  Schrenck-Notzings  wurde das Kabinett, in dem sich das Medium während der Séance aufhielt, vor und nach der Sitzung genauestens überprüft. Eva C. musste sich vor Zeugen entkleiden, ehe sie in ihr Trikot schlüpfte; gelegentlich wurde ihr Kopf mit einem Schleier bedeckt, den man am Kragen festnähte; Haare, Achselhöhlen, Nägel, Mund, Knie, wiederholt auch Rektum und Vagina, wurden vor der Séance untersucht. Manchmal musste C. vor der Sitzung größere Mengen Heidelbeerkompott essen. Dennoch kam die Substanz weiß aus ihrem Munde. Nach der Sitzung verabreichte Brechmittel förderten nie Betrugsmaterialien zutage.
Richet war von der Echtheit sowohl der algerischen als auch der Pariser Materialisationen überzeugt: „Heute, nach 16 Jahren, scheinen mir die uns gemachten Einwände sehr kümmerlich und meiner ganzen Verachtung würdig" (Richet 1923, 394).

Lit.: Bisson, Juliette Alexandre: Les phénomènes dits de matérialisation: étude expérimentale. Paris: Félix Alcan, 1914; Geley, Gustave: Die sog. supranormale Physiologie und die Phänomene der Ideoplastie. Leipzig: Mutze, 1920; Schrenck-Notzing, Albert, Frh. v.: Physikalische Phänomene des Mediumismus. München: Ernst Reinhardt, 1920; Richet, Charles: Grundriss der Parapsychologie und Parapsychophysik. Stuttgart: Union, [1923]; Geley, Gustave: Vom Unbewussten zum Bewussten. Stuttgart: Union, 1925.


   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 3