Byssus

Byssus oder Byssos (griech., „feines Linnenzeug“), pflanzliche und tierische Fasern. Diese wurden vor allem zu durchsichtigen Gewändern verarbeitet (Philostratus, vit. Apoll. II, 20, 71. Olear.) und insbesondere von den ägyptischen Priestern geschätzt (Plin. nat. XIX, 4).
Die heute noch als B. bezeichneten Haftfasern im Meeresboden festsitzender Muscheln dienten als 3–8 cm lange Fasern zur Anfertigung von Stricken, Strümpfen oder Handschuhen.
Dabei bilden im Fuß der Muscheln einzelne Sekrete mehrerer Drüsen vor allem phenolische Proteide, die gemeinsam zu Haftfäden vereinigt werden und erhärten. Diese Sekretion kann bei einzelnen Muscheln zeitlebens andauern, während andere sie nur als Jungmuscheln produzieren. Bekannte Beispiele für Muscheln mit Byssusfäden sind die Miesmuscheln, die sich mit ihren Fäden an der Brandungszone festsetzen und bei schlechten Umweltbedingungen wieder lösen können, sowie die Feigenmuscheln, die ganze Netze von Fäden spinnen und damit Fremdkörper fixieren.
Seit dem Altertum werden die Fasern der im Mittelmeer lebenden Edlen Steckmuschel (Pinna nobilis L.), der weitaus größten Muschel des Mittelmeeres (bis zu 1 m Länge), gewonnen und die aus diesen hergestellten Gewebe als B. bezeichnet. Die Fasern sind goldglänzend, sehr dünn, extrem fest und haltbar, insofern mit modernen Nylonfäden vergleichbar, jedoch vielfach feiner als Seide. Heute ist die Steckmuschel geschützt, die aufwendige Gewinnung sehr begehrt und wertvoll, das Handwerk jedoch nahezu ausgestorben.
Als das zur Zeit bekannteste Erzeugnis aus B. gilt der > Schleier von Manoppello bei Pescara in Italien, der bei entsprechendem Lichteinfall ein männliches Antlitz zeigt, das mit dem Antlitz auf dem > Grabtuch von Turin völlig übereinstimmt und daher als Antlitz Christi bezeichnet wird (Resch).

Lit.: Bisso marino: fili d'oro dal fondo del mare = Muschelseide: goldene Fäden vom Meeresgrund / Katalog zur Ausstellung im Naturhistorischen Museum Basel. A cura di Felicitas Maeder ... Pref. M. Daniela Lunghi. Con contributi di Gerolama Carta Mantiglia ... [Trad. Barbara C. Baudner ...]. Milano: 5 Continents, 2004; Resch, Andreas: Das Antlitz Christi. Innsbruck: Resch, 22006.

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 2