> Buddhismus - Lexikon der Paranormologie - IGW-Resch
LEXIKON DER PARANORMOLOGIE                                                  Index   A - Z
Band 2

Buddhismus

Buddhismus, Ordnungsbegriff zur Bezeichnung aller Lehren, Schulen und Gemeinschaftsbildungen (Orden), die sich aus der Lehre des > Buddha herleiten und in einem Grundkonsens von Lehre und Praxis übereinstimmen. Diese Bezeichnung wurde von Eugene Burnouf (1801–1852), dem Verfasser des ersten wissenschaftlichen Werkes über den B., 1844 eingeführt.
Der B. ist vom Wesen her die einzige Weltreligion, die keinen Gott kennt oder benennt, obwohl Buddha quasi als gottgleich verehrt wird. Aus dem Gesetz von Ursache und Wirkung ergibt sich nämlich nach buddhistischer Auffassung, dass es keinen Schöpfergott geben kann, da dieser von Anfang an hätte existieren müssen, ohne dass ihm eine Ursache vorausgegangen wäre. Statt Gott werden die Begriffe „Das Eine“, „Das Absolute“ oder „Buddha“ als das Absolute verwendet, da sie die Allumfassenheit am besten ausdrücken. Es gibt im B. zwar eine Vielzahl von Göttern, die praktisch nur eine Stufe über den Menschen stehen, weil ihr Leben sehr angenehm ist, weshalb sie auch nicht nach Erleuchtung streben. Das macht sie aber dem Menschen unterlegen, denn es ist im Sinne des B. besser, als Mensch wiedergeboren zu werden und Erleuchtung zu suchen, als einer der vielen Götter zu sein.
Trotz dieser Eigenart ist der Religionscharakter des B. heute weitgehend unbestritten.
Geschichte
Der B.entstand im Leben der Stadtkulturen des Gangestales, die sich nach dem 6. Jh. v. Chr., auf die Zeit der > Veden und > Upanishaden folgend, entwickelt hatten. Der Zerfall der Stammeskulturen, der Glaube an die endlose Wiedergeburt und das endlose Sterben, in den Veden nur spurenweise vorhanden und in den Upanishaden als Geheimlehre entwickelt, führten zu einem tiefen Pessimismus und zur Sehnsucht nach einer Endgültigkeit. Die Opferriten der Brahmanen konnten hier keine befriedigende Antwort mehr geben. So kam es zur Bildung religiöser Gemeinschaften wie der > Ajīvikas, Jainas (> Jainismus) und der Buddhisten.
Als Gründer des Buddhismus gilt Siddhārta Gautama aus dem Shākya-Stamm, der nach neuerer Forschung wahrscheinlich von 450–370 im südlichen Nepal lebte. Von seinen Verehrern wurde er Shākyamuni („der Weise aus dem Shākya-Stamm“) und nach seiner Erleuchtung > Buddha (der „Erwachte“ oder „Erleuchtete“) genannt. Da auch Buddha vor seiner Erleuchtung schon mehrmals wiedergeboren wurde und er jeweils einen anderen Namen trug, beschreibt sein Name Shākyamuni Buddha das Leben, in dem er erleuchtet wurde und die Lehre verbreitete. Einschneidende Erlebnisse brachten ihm nämlich zu Bewusstsein, dass auch er Alter, Krankheit und Tod nicht entrinnen konnte. So kehrte er der Religion seiner Väter den Rücken und verkündete im Tierpark von Benares zum ersten Mal öffentlich seine Lehre (dharma) von der Befreiung aus dem samsāra, der Wiedergeburt, durch einen achtgliedrigen Meditationsweg der Selbsterlösung ohne Gott: rechte Anschauung, rechter Entschluss, rechte Rede, rechtes Tun, rechter Lebensunterhalt, rechte Anstrengung, rechte Verinnerung, rechte Vertiefung (Buddha, 359).
Nach Shākyamunis Tod teilte sich der B. bald in zwei große Schulen oder „Fahrzeuge“ (für den Weg der Erlösung), nämlich in > Hinayana und > Mahayana. Später kam noch ein drittes Fahrzeug hinzu, das > Vajrayana, das vom > Tantrismus beeinflusst wurde. Auf den Lehren des Vajrayana beruht der tibetische Buddhismus (> Lamaismus) unter Einbeziehung der tibetischen Ur-Religion > Bon.
Karma und Wiedergeburt
Am Ende dieses Meditationsweges wird der Mensch nicht mehr wiedergeboren, sondern geht  in das > Nirvana ein. Diesem Eintritt in das Nirvana kann jedoch eine lange Wanderung durch die Existenzen im Geburtenkreislauf vorausgehen. Bei aller Abgrenzung vom Opferritus der Brahmanen und der Lehre der Upanishaden hielt Buddha an der Lehre von > Karma und > Wiedergeburt fest, allerdings in einem völlig eigenen Verständnis. Handelt es sich dabei im > Hinduismus um eine „Seelenwanderung“ durch die Geburten, so versteht Buddha das Wandern durch die Geburten als einen unpersönlichen Prozess, dessen Beginn unbekannt bleibt. Verursacht wird diese „anfangslose Wanderung“ durch den „Durst“ nach Werden, der karmisch bedingt ist.
Karma als Qualität des Denkens, Redens und Handelns bestimmt die Art der Wanderung wie überhaupt den Umstand, dass ein Wesen wiedergeboren wird. Auch als wer oder was jemand wiedergeboren wird, hängt von den Taten (karma) im früheren Leben ab. Der Anfang der Wiedergeburt ist unbekannt, während die Ursache in der Unwissenheit liegt (Samyutta-Nikaya, 235). Dabei werden die „verehrten Wesen“ in diesem Geburtenkreis von drei „Wurzeln des Unheilsamen“ festgehalten, nämlich von Gier, Hass und Verblendung:
„Wahrlich, diese verehrten Wesen sind in Taten mit schlechtem Wandel behaftet, sind in Worten mit schlechtem Wandel behaftet, sind in Gedanken mit schlechtem Wandel behaftet, sind Schmäher der Edlen, sind Anhänger falscher Ansicht und erleben die Wirkung solcher falschen Ansicht. Die tauchen dann beim Zerfall des Körpers nach dem Tode auf einem Abweg auf, auf übler Fährte, in gesunkenem Zustand, in Höllenwelt“ (Buddha, 294).
Diese Höllenwelt befindet sich unter dem Kontinent und besteht aus acht heißen Höllen mit jeweils sechs Nebenhöllen und acht kalten Höllen. Sie liegen in der untersten Sphäre der vertikal geteilten Welt, nämlich in der Sinnenwelt oder der Welt des Verlangens. Die größte Hölle ist > Avichi. In diesen Höllen, in denen Tiere, Hungergeister, Menschen und sechs Götterklassen wohnen, werden die Lebewesen wiedergeboren, entsprechend den von ihnen begangenen schlechten Taten. Die Leiden dauern jedoch nicht ewig. Jede Geburt gibt die Möglichkeit, durch gute Werke die schlechten Taten zu mindern und sich dem guten Weg zu nähern, denn nur die Wesen, die den guten Weg beschritten haben, gelangen in die Himmelswelt.
Nirvana
Das Heilziel des B. ist nämlich das Nirvana, was wörtlich „Verwehen“, „Verlöschen“ heißt. Es handelt sich dabei nicht um ein Nichts im ontologischen Sinn, sondern vielmehr um das Eintreten in einen Zustand, der für die menschlichen Sinne nicht mehr wahrnehmbar ist (Pfad zur Erleuchtung, 103).
Ist es die vom Körper befreite Seele, die in diesen Zustand eintritt? Buddha lässt nämlich in seinen frühen Lehrtexten die Frage nach dem Vorhandensein und dem Wesen der Seele offen, da nur, was zur Erlösung, zum Nirvana führt, Gegenstand seiner Lehre sei. Ziel seiner Lehrreden ist es, den Irrglauben zu zerstören, dass die aus fünf „Daseinsgruppen“ zusammengesetzte Persönlichkeit das Selbst, das Ich oder das Mein sei. Denn gerade diese falsche Annahme sei die Ursache des Begehrens, wodurch das Wesen im Geburtenkreislauf festgehalten werde.
Das älteste Werk, in dem die Seele ausdrücklich geleugnet wird, sind Die Fragen des Königs Menandros aus dem ersten vorchristlichen Jahrhundert. In diesem Dialog zwischen dem griechisch-baktrischen König Menander und dem buddhistischen Lehrer Nagasena geht es nämlich auch um die Frage des Trägers der Wiedergeburt. Wenn nun aber das, was als irdische Persönlichkeit erscheint, in Wirklichkeit die fünf „Daseinsgruppen“ sind und diese ununterbrochen entstehen und vergehen, wie kann dann unter derartigen Umständen Verantwortlichkeit für Taten und Vergeltung möglich sein? Die Antwort lautet, dass letztlich die „Daseinsgruppen“ aufgrund des Gesetzes der „Entstehung in Abhängigkeit“ in einem ununterbrochenen Strom bis zur Erlösung von einem Dasein in ein anderes übergehen.
Ein entscheidendes Charakteristikum aller buddhistischen Schulen ist nämlich die Ablehnung der Annahme, irgendeine der erkennbaren Gegebenheiten könne als eine unvergängliche Seele angesehen werden. Es gibt kein „ewiges Ich“, sondern nur die Verwirklichung der Freiheit des Nirvana, das als der höchste Friede, das Ungewordene, Ungestaltete, das Unbedingte, die Todlosigkeit beschrieben wird.
Da also keine Seele von Geburt zu Geburt wandert, kann man letztlich auch nicht von Seelenwanderung sprechen, sondern nur von einer Aneinanderreihung der fünf empirischen Daseinsgruppen, welche die jeweils neue empirische Person ausmachen.  Mit dem Ende der Geburten endet auch das Personsein.
Der B. hat im asiatischen Raum im Laufe der Jahrhunderte eine überaus große Verbreitung gefunden, vor allem in Japan, Kambodscha, der Mongolei, Nepal, Sri Lanka, Südkorea, Taiwan, Thailand und Vietnam.

Lit.: Die Fragen des Königs Menandros. Aus d. Pali zum 1. Male ins Dt. übers. von Otto Schrader. Berlin: Raatz, 1905; Buddhistische Geisteswelt. Vom historischen Buddha zum Lamaismus. Texte ausgew. u. eingel. von Gustav Mensching. Wiesbaden: Vollmer, 1975; Buddha: Die Lehre des Erhabenen: aus dem Palikanon ausgew. u. übertr. von Paul Dahlke. Eingel. von Martin Steinke/Tao Chün. 2. Aufl. nach der 1920 ersch. Originalausg. München: Goldmann, 1978; Oldenberg, Hermann: Buddha. Sein Leben, seine Lehre, seine Gemeinde. Hrsg. v. Helmuth von Glasenapp. Stuttgart: Magnus-Verlag, 1983; Die Lehrreden des Buddha aus der Angereihten Sammlung = Anguttara-Nikaya. Aus dem Pali übers. von Nyanatiloka. Überarb. und hrsg. von Nyanaponika. Neue Gesamtausg. in 5 Bd. Freiburg; Braunschweig [u. a.]: Aurum-Verl. [u. a.], 1984; B. II Buddha: Die Lehre des Erhabenen: aus dem Palikanon. Ausgew. u. übertr. von Paul Dahlke. Eingel. v. Martin Steinke/Tao Chün. München: Goldmann, 1986; Pfad zur Erleuchtung. Das Kleine, das Große und das Diamant-Fahrzeug. Übers. u. hrsg. von Helmuth von Glasenapp. München: Diederichs, 1988.


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Innsbruck: Resch, 2011, XII, 509 S., ISBN 978-3-85382-090-2, Ln, EUR 48.50 [D], 49.90 [A]

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��Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch (Redemptorist)                                 
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