Brüder und Schwestern des Freien Geistes

Brüder und Schwestern des Freien Geistes, spätmittelalterliche religiöse Bewegung. Bereits 1170 erwähnt > Albertus Magnus Gemeinschaften im schwäbischen Ries, Deutschland, die eine Glaubensrichtung vertraten, welche auch unter den > Beginen und > Begarden und später in verschiedenen Kreisen von Mittel- und Nordwesteuropa sowie in Italien verbreitet war. Man berief sich auf 2 Kor 3, 17: „Der Herr aber ist der Geist, und wo der Geist des Herrn wirkt, da ist Freiheit.“ Durch die mystische Vereinigung der Seele mit Gott verliere der Mensch die Individualität, erlange die Freiheit des Geistes (spiritus libertatis), sei folglich sündenlos und bedürfe keiner Heilsvermittlung durch die Kirche.
Diese Überzeugungen ähneln in manchem denen der Amalrikaner (> Amalrich von Bena) wie auch einer asketischen und antikirchlichen Sekte, die sich auf einen gewissen Ortlieb von Straßburg (um 1200) berief, der von Innozenz III. verurteilt wurde. Die Ortlieber lehrten u. a., dass der Mensch sich frei von allen Dingen halten solle, um dem Geist im eigenen Innern zu folgen, weshalb sie sich > Illuminaten nannten (Fößel).
Was die Freien Geister predigten, glich andererseits zentralen Punkten der damaligen deutschen Mystik. > Seuse musste deshalb sich selbst und > Eckhart gegen den Vorwurf, zu dieser Sekte zu gehören, verteidigen. Das umfangreichste erhaltene Werk ist der Miroir des simples âmes der 1310 verbrannten Marguerite > Porète, auf Deutsch der pseudo-eckhartische Traktat Schwester Katrei (1320). In diesen Gedankengängen klingt bereits die Konzeption des > Quietismus an. 1317 erklärte Clemens V. die Bewegung mit Ad nostrum für häretisch. Im gleichen Jahr wurden die B. erstmals in Straßburg, zuletzt noch 1458 in Mainz durch die Inquisition verfolgt.

Lit.: Schweitzer, Franz-Josef: Der Freiheitsbegriff der deutschen Mystik: seine Beziehung zur Ketzerei d. „Brüder u. Schwestern vom Freien Geist“, mit besonderer Rücksicht auf d. pseudoeckart. Traktat „Schwester Katrei“ (Ed.). Frankfurt a. M.; Bern: Lang, 1981; Fößel, Amalie: Die Ortlieber: eine spiritualistische Ketzergruppe im 13. Jahrhundert. Hannover: Hahn, 1993; Porete, Marguerite: Le miroir des simples âmes anéanties et qui seulement demeurent en vouloir et désir d'amour: [XIIIe siècle] / [Nachdr.]. Grenoble: Millon, 2001.

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 2