Brautmystik

Brautmystik (engl. nuptial mysticism; it. mistica nuziale), Erfahrung der inneren Begegnung mit Gott als Liebesgemeinschaft. Ausgangspunkt dieser Vorstellung bildet die im AT gebrauchte Metapher einer bräutlichen Beziehung von Jahwe zu seinem Volk: „Wie der junge Mann sich mit der Jungfrau vermählt, so vermählt sich mit dir dein Erbauer. Wie der Bräutigam sich freut über die Braut, so freut sich dein Gott über dich“ (Jes 62, 5). Dieser Liebesbezug findet in den Liebesliedern des Hld (Hohelied) die sprachliche Vorgabe, deren sich jede christliche B. bedient.
Im NT wird von Johannes dem Täufer Christus als der wahre Bräutigam bezeichnet:
„Ihr selbst könnt mir bezeugen, dass ich gesagt habe: Ich bin nicht der Messias, sondern nur ein Gesandter, der ihm vorausgeht.  Wer die Braut hat, ist der Bräutigam; der Freund des Bräutigams aber, der dabeisteht und ihn hört, freut sich über die Stimme des Bräutigams. Diese Freude ist nun für mich Wirklichkeit geworden“ (Joh 3, 28-29). – „Am Ende der Tage wird der Bräutigam dann zum Hochzeitsmahl kommen, an dem alle teilnehmen können, die im Saal versammelt sind. Für die anderen bleibt die Tür verschlossen“ (Mt 25, 1-13). Für Paulus ist die Gemeinde der Gläubigen die Braut Christi. „Denn ich liebe euch mit der Eifersucht Gottes; ich habe euch einem einzigen Mann verlobt, um euch als reine Jungfrau zu Christus zu führen" (2 Kor 11, 2; Eph 5, 27).
Diese und ähnliche Aussagen des AT und NT bilden die Grundlage der B. Nachdem bereits > Origenes und > Gregor von Nyssa die Braut des Hld auf die individuelle Seele gedeutet hatten, greift > Bernhard von Clairvaux im 12. Jh. das Thema mit bleibender Prägekraft für die Erlebnismystik auf. Die > Unio mystica wird als geistliche Hochzeit beschrieben. Insbesondere für Mystikerinnen des 13. Jhs. ist Mystik Liebesmystik (Stölting), die nicht selten als B. körperlich in Form eines symbolhaften Ringes am Finger zum Ausdruck kommt. Meist geht dem ersten Auftreten eines solchen „Brautringes“ eine > Ekstase mit dem Erlebnis einer Art mystischen Vermählung mit Jesus Christus voraus. Das bekannteste Beispiel ist die heilige > Katharina von Siena (Thursten, S. 165).

Lit.: Thurston, Herbert: Die körperlichen Begleiterscheinungen der Mystik. Luzern: Räber & Cie., 1956;  Stölting, Ulrike: Christliche Frauenmystik im Mittelalter: historisch-theologische Analyse. Mainz: Grünewald, 2005.

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 2