Branchidai

Branchidai, Apollonorakel von > Didyma, dem heutigen Didim. Didyma galt als das berühmteste kleinasiatische > Orakel und beanspruchte hinter > Delphi den zweiten Rang. Die Kultlegende berichtet, dass Leto am Ort der Orakelstädte ihren Sohn > Apollon von Zeus empfangen habe. Später erschien Apollon dem einheimischen Hirten > Branchos und verlieh ihm die Sehergabe. Auf ihn führte sich das karische Priestergeschlecht der Branchiden zurück, die bis in die Zeit der Perserkriege dem Heiligtum den Namen gaben und ihm vorstanden. Von ihnen leitet sich auch der frühere Orakelname B. ab.
Das Orakel hatte wahrscheinlich schon im 7. Jh. v. Chr. einen internationalen Ruf. Davon zeugen der Bericht Herodots von Weihegeschenken des ägyptischen Pharaos Necho und des Lyderkönigs Kroisos sowie die tatsächlichen Funde zahlreicher Weihegeschenke.
Die Orakelpraxis von B. liegt weitgehend im Dunkeln, scheint aber ebenso wie das Heiligtum selbst mit der Eroberung durch die Perser eine einschneidende Zäsur erfahren zu haben. Während die Orakel vor der Zerstörung durch Männer aus dem Geschlecht der Branchiden gegeben wurden, verkündete nach dem Wiederaufbau eine Frau die Sprüche. So berichtet Iamblichos in seiner im 4. Jh. n. Chr. verfassten Schrift über die Mysterien der Ägypter, dass in Didyma (3,11) vor einer mantischen Sitzung, die nur nachts stattfand, die Prophetin drei Tage lang fasten und sich kultisch reinigen musste. Beim Orakelspruch selbst saß sie auf einer Achse, netzte ihr Füße mit dem Wasser der heiligen Quelle, atmete ihren Dunst ein und geriet dadurch in mantische Ekstase. Wie oft im Jahr das Orakel zugänglich war, ist nicht bekannt.
Im Verlauf des 4. Jhs. kam dann der religiöse Betrieb des Orakels zum Erliegen.

Lit.: Tuchelt, Klaus: Branchidai – Didyma: Geschichte, Ausgrabung und Wiederentdeckung eines antiken Heiligtums 1765 bis 1990. Mainz am Rhein: von Zabern, 1991; Rosenberger, Veit: Griechische Orakel: eine Kulturgeschichte. Darmstadt: Wiss. Buchges., 2001; Iamblichos: Peri ton Agyption mysterion. Thessalonike: Zetros, 2005.

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 2