Brahmanismus

Brahmanismus, Bezeichnung jener religiösen Strömung im Hinduismus, die von der Priesterkaste der > Brahmanen seit der Einwanderung der Arier im 2. Jahrtausend v. Chr. auf dem indischen Subkontinent getragen wird und für die ihre rituellen und sozialen Ordnungen sowie der > Veda bis heute maßgeblich sind. Im engeren Sinn umfasst die Bewegung die Spätphase des Vedismus (etwa 1000 bis 400 v. Chr.), die in den > Brahmanas, > Vedangas, > Aranyakas und den > Upanishaden bezeugt ist. In dieser Bewegung entwickelte die Priesterkaste ein Ritualwesen, das auf den okkulten Entsprechungen von Opfer, kosmischen Phänomenen und dem Körper des Menschen aufbaut und den Anspruch erhebt, dass sowohl das Geschehen im Universum als auch das Wohlergehen des Einzelnen auf Erden vom rechten Vollzug der Riten abhänge. Die Brahmanen fassten zudem die Regeln über das rechte Verhalten je nach Stand (> Kaste), Geschlecht und Lebensstufe (Ashrama) zusammen, deren Erfüllung diesseitiges Wohlergehen und jenseitige Freude verspricht.
In Gegensatz zu diesem Ideal der Wertfrömmigkeit traten die Lehren von Asketen, die zum Teil aufgrund der neu aufkommenden Vorstellungen von den Folgen der Taten (> Karma) sowie dem wiederholten Sterben und Geborenwerden (> Samsara) Wege der Befreiung von Triebgebundenheit mit Hilfe von Erkenntnis und Meditation sowie asketischer und ekstatischer Praktiken vermittelten, um einen Zustand des Gleichmuts, der Wonne und des Unsterblichkeitsbewusstseins zu erreichen. Dieses kam u. a. als Innewerden der Identität des wahren Selbst (> Atman) mit dem Absoluten (> Brahman) zum Ausdruck.
So verschmilzt im B. Vedisches mit anderen Strömungen der indischen Geistesgeschichte. Für die indische Philosophie ist dabei wichtig, dass zum B. trotz erheblicher Unterschiede die sechs indischen philosophischen Systeme gehören. Als Ausgangspunkte können die Philosophien der Epen gezählt werden, deren bekanntester Text die > Bhagavadgita ist. Die Texte enthalten unter anderem die Lehre vom Entstehen und Vergehen des Kosmos, von den vier Weltzeitaltern (> Yugani) sowie dualistische und monistische Ansätze in der Kosmologie wie in der Seelenlehre. Für die Seelenlehre ist vor allem wichtig, dass sich die Vorstellung von selbständigen Einzelseelen verfestigt. Zudem wird die Erlösungslehre systematisiert, indem für die Bindung der Seele an den Geburtenkreislauf die Verbindung der Sinnesorgane mit den Sinnesobjekten, insbesondere des Denkorgans, verantwortlich gemacht wird, an das sich die Werke (Karma) anheften. Dabei gewinnen die monotheistischen Gedanken an Boden und in den Texten der > Puranas ist die zur Erlösung führende Hingabe (> Bhakti) an die beiden Hochgötter > Vishnu (> Krishna) und > Shiva das philosophische Hauptthema.

Lit.: Deussen, Paul: Das System des Vedanta: nach den Brahma-Sutras des Badarayana und dem Commentare des Çankara über dieselben als ein Compendium der Dogmatik des Brahmanismus vom Standpunkte des Çankara aus. Leipzig: Brockhaus, 1883; Geldner, Karl: Die Religionen der Inder: Vedismus und Brahmanismus. Tübingen: Mohr, 1911; Radhakrishnan, Sarvepalli: Die Systeme des Brahmanismus. Darmstadt [u. a.]: Holle-Verl, 1956; Glasenapp, Helmuth von: Die fünf Weltreligionen: Brahmanismus, Buddhismus, chinesischer Universismus, Christentum, Islam. Ungekürzte Taschenbuchausg., 7. Aufl., 2. Aufl. dieser Ausg. München: Heyne, 1998.

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 2