Boullan, Joseph Antoine

Boullan, Joseph Antoine (*18.02.1824 Saint-Porquier; † 4.01.1893 Lyon), exkommunizierter katholischer Priester. B. wurde am 12. September 1848 zum Priester geweiht und wirkte zunächst in der Seelsorge. 1850 ging er nach Rom, wo er zum Doktor der Theologie promovierte und der Kongregation vom Kostbaren Blut beitrat. Ab 1853 schloss er sich der Elsässischen Mission, dem „Maison des Trois Epis“, an. 1854 zerwarf er sich mit der Kongregation in Rom wegen seiner sektiererischen Tätigkeit im Elsass. Als ein besonderer Vertreter von Mystik und Marienverehrung setzte er sich in der Folge dafür ein, das Wunder von > La Salette, das sich 1846 ereignete, einem breiten Publikum bekannt zu machen. Dabei lernte er am 14. März 1856 die belgische Nonne Adèle > Chevalier kennen. Diese galt als religiös-spiritistische Visionärin, deren Eingebungen „übernatürlichen Stimmen“ entstammen sollten. B. suchte nun das junge Mädchen für seine leiblichen und spirituellen Bedürfnisse auszunützen, gründete mit ihr den Orden Les Péres de la Réparation und strebte die kirchliche Anerkennung an, die ihm jedoch verwehrt wurde.
Im Mittelpunkt seines pseudoreligiösen Rituals stand zwar der Gottesdienst nach der katholischen Messe, jedoch mit stark sexualmagischen Zügen. So verkehrte B. dabei nackt mit der Nonne auf dem Altar. Diese sog. > Schwarzen Messen erfreuten sich in den gehobenen Kreisen von Paris einer gewissen Beliebtheit. B. und seine Anhänger glaubten, dass die Menschen seit dem Sündenfall Adam und Evas nur durch geschlechtlichen Verkehr mit höheren himmlischen Wesen, wie Engeln, Erzengeln und Heiligen, erlöst werden könnten. Der Skandal wurde perfekt, als am 8. November 1860 die wahrscheinlich von B. geschwängerte Adèle eine Totgeburt erlitt. B. behauptete allerdings, dies sei die Frucht eines teuflischen Inkubus gewesen. Der Vorwurf, dass er während der Messe am 8. Dezember 1860 ein Kind geopfert habe, konnte vom Gericht nicht nachgewiesen werden. Dennoch wurden B. und Adèle zu drei Jahren Haft verurteilt. Im Anschluss daran ging B. nach Rom, wo er für einige Monate im Sanctum Officium eingesperrt wurde. Hier schrieb er sein Schuldbekenntnis, das der französische Schriftsteller Joris-Karl > Huysmans teilweise literarisch auswertete. 1930 wurde das  Schuldbekenntnis als sog. „rosa Heft“ der Vatikan-Bibliothek übergeben.
Voller Enttäuschung nach Frankreich zurückgekehrt, arbeitete B. an der Zeitschrift Les Annales de la Sainteté du XIXe Siècle für die religiös-mystische Erneuerung mit und übernahm später Redaktion und Direktion des Blattes. 1869 gründete er das „Oeuvre de Marie“ (Marienwerk) zum Kampf gegen die Ungläubigkeit und die dunklen Mächte, deren Hauptrepräsentant nach B. der Ex-Priester Eliphas > Lévi war und die von ihm beeinflussten Rosenkreuzer „zur linken Hand“ unter Stanislas Marquis de > Guaïta. Doch nahmen auch seine Praktiken im „Marienwerk“ eigenartige Formen an , vor allem bei Nonnenklöstern. Durch „astrale“ Sexualität und „übersinnliche Kontaktnahme“ versuchte er, seine Schäfchen zu betreuen. 1875 wurde B. vom Erzbischof von Paris zu sich gerufen, der umgehend Rom informierte. B. wurde daraufhin exkommuniziert. Nach einer anderen Version sei er am 1. Juli 1875 aus der Kirche ausgetreten. Huysmans hat diese Exkommunikation in seinem Roman Là bas dargestellt.
B. entdeckte nun eine Geistesverwandtschaft seiner Lehre mit der des exkommunizierten Priesters Pierre > Vintras, den er mehrmals aufsuchte. Dieser blieb jedoch reserviert; er starb am 7. Dezember 1975. B. beeilte sich nun, in Lyon mit dessen ehemaligen Schülern in Verbindung zu treten. In der von Vintras gegründeten und bereits 1848 vom Papst verurteilten satanistischen Carmel-Kirche in Lyon behauptete B., dass er von der Himmelsmacht unter dem „Nomen mysticum Élie Jean-Baptiste“ zum Nachfolger von Pierre-Michel-Élie Eugène (= Vintras) auserkoren sei. Der Großteil der Mitglieder Vintras’ lehnten ihn ab, doch gelang es ihm, zehn „Familien“ des Lyoner Carmel für sich zu gewinnen und Reste der begehrten Wunderhostien zu erhalten. Ab 1875 nannte sich B. Élie. Er wurde sodann von den Konkurrenzokkultisten scharf kritisiert und am 24. Mai 1887 vom Tribunal des Pariser Okkultistenverbandes angeblich zum „magischen Tod“ verurteilt. Jedenfalls fühlte er sich von ihnen durch > schwarze Magie zum Sterben verflucht.

Lit.: Encausse, Philippe: Sciences occultes et déséquilibre mental. Paris: Editions Pythagore, 1935; Frick, Karl R. H.: Die Satanisten: Materialien zur Geschichte der Anhänger des Satanismus und ihrer Gegner. Graz: ADEVA, 1985, S. 163–173; King, Francis: Sexuality, Magic and Perversion. London: Spearman, 1971; Huysmans, Joris-Karl: Tief unten. Zürich: Diogenes, 1987; ders.: Là bas. Paris: Flammarion, 1997.

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 2