Bootstrap-Philosophie

Bootstrap-Philosophie („Schnürsenkel“-Theorie), physikalisches Denkmodell, demzufolge das Universum als dynamisches Gewebe zusammenhängender Geschehnisse zu verstehen ist.
Der amerikanische theoretische Physiker Geoffrey Chew (*1924) stellte in den 50er Jahren des 20. Jhs. als Ergänzung zur Relativitätstheorie Einsteins und zur Quantenmechanik von Bohr und Heisenberg die Bootstrap-Theorie der Elementarteilchen auf, welche Quantentheorie und Relativitätstheorie zu einer Theorie vereinigt, um sowohl die quantenmechanischen als auch die relativistischen Aspekte der subatomaren Materie zur Geltung zu bringen und zugleich einen radikalen Bruch mit der gesamten abendländischen Auffassung von der Grundlagenforschung aufzustellen. Nach Chew lasse sich die Natur nicht auf fundamentale Einheiten reduzieren, da die Dinge kraft ihrer wechselseitig stimmigen Zusammenhänge bestünden. Die gesamte Physik müsse daher ausschließlich auf den Erfordernissen aufbauen, dass alle ihre Komponenten mit sich selbst in Übereinstimmung sein müssen.
Der mathematische Rahmen der B.-Physik ist das Konzept der S. Matrix (Streuungs-Matrix)-Theorie, das ursprünglich von Heisenberg eingebracht und vor allem von Chew und seinen Mitarbeitern zu einer Theorie der subatomaren Teilchen sowie zu einer allgemeinen Naturphilosophie, der B.-Philosophie, ausgebaut wurde. Diese gibt nicht nur die Idee der fundamentalen Bausteine der Materie auf,  sondern erkennt überhaupt keine fundamentalen Einheiten, Gesetze, Konstanten oder Gleichungen an. Das materielle Universum ist ein dynamisches Gewebe zusammenhängender Geschehnisse, bei dem keine Eigenschaft fundamental ist. Die Struktur des ganzen Gewebes bestimmt die umfassende Stimmigkeit ihrer Zusammenhänge.
Dies ist der naturwissenschaftlichen Devise jedoch so fremd, dass nur einige Physiker diesen Weg einschlagen. Die anderen versuchen es weiterhin nach den fundamentalen Bausteinen der Materie. Im Gegensatz dazu haben New-Age-Denker wie Fritjof Capra die Vorstellung von einem Universum als Gewebe von Zusammenhängen, die typisch für das Denken der östlichen Weisheitslehren ist, voll aufgegriffen.

Lit.: Chew, Goffrey: Bootstrap: A Scientific Idea. Science, 161 (1968); Capra, Fritjof: Das Neue Denken: Aufbruch zum neuen Bewusstsein; die Entstehung eines ganzheitlichen Weltbildes im Spannungsfeld zwischen Naturwissenschaft und Mystik. Bern: Scherz, 1987.

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 2