Bonaventura

Bonaventura (Giovanni di Fidanza, * um 1217 oder 1221 in Bagnoreggio bei Viterbo / Italien; † 15.07.1274 Lyon), heilig (1482, Fest: 15. Juli), Minorit, Kardinalbischof, Kirchenlehrer (1588 von Sixtus V. mit dem Beinamen doctor seraphicus zum Kirchenlehrer erklärt), Philosoph, Theologe und > Mystiker, gilt als der Höhepunkt des in der Tradition Anselms von Canterbury, der Viktoriner und Alexander von Hales stehenden älteren Augustinismus.
B. erhielt seinen Namen infolge einer Franz von Assisi zugeschriebenen Wunderheilung.
Nach ersten Unterweisungen in seiner Vaterstadt ging er 1228 nach Paris und wurde dort 1242 Magister Artium. 1243 trat er in den Minoritenorden ein und erhielt seine theologische Ausbildung vor allem bei > Alexander von Hales. 1248 übernahm er als Baccalaureatus auf Geheiß des Generalministers Lehraufgaben in Paris und, befasste sich neben exegetischen Themen von 1250–1253 mit den Sentenzen des Petrus Lombardus, woraus einer der bedeutendsten Sentenzenkommentare entstand. 1253/54 wurde er Magister der Theologie. Beim Mendikantenstreit wurde er von der Universität ausgeschlossen. Im Oktober 1257 erfolgte seine Wiederaufnahme und die Anerkennung als Magister gemeinsam mit Thomas von Aquin, mit dem er eng befreundet war. Noch vorher wurde er im Februar 1257 Generalminister des Ordens. Als solcher führte er diesen klug zwischen den Klippen des Laxismus und des Rigorismus. 1272 beauftragte ihn Papst Gregor X. mit der Vorbereitung des 2. Konzils von Lyon und 1273 ernannte er ihn zum Kardinalbischof von Albano. B. starb 1274 auf dem Konzil von Lyon. Der Papst und die Konzilstelnehmer bereiteten ihm ein feierliches Begräbnis.
B. hatte großen Einfluss auf die philosophische Theologie des Mittealters und erfuhr in der Belebung der Neuscholastik des 19. und 20. Jhs. eine solche Wiederbelebung, dass Leo XIII. ihn den „Fürst[en] unter den Mystikern“ nannte.
In seiner Metaphysik verficht B. jene Theorie, wonach bestimme Muster (Ideen) bei Gott Vorbilder für die erschaffenen Dinge sind und als solche die Voraussetzung dafür geben, dass sowohl Gott die Welt als auch der Mensch überhaupt etwas erkennen kann, da die Natur ist gleichsam ein Spiegel der Vollkommenheit Gottes ist.
In seinem Werk Itinerarium mentis in Deum (Pilgerbuch der Seele zu Gott), das er in der Einsamkeit der Albanerberge schrieb und das eine seiner schönsten mystischen Schriften und zugleich eines der schönsten Zeugnisse franziskanischen Geistes ist, gibt er eine Anleitung für den Aufstieg der > Seele bis zu ihrer mystischen Gottesvereinigung. Dieser Aufstieg erfolgt über sechs Stufen, und wie Gott nach den sechs Schöpfungstagen am siebten ruhte, soll dies auch der Mensch, die kleine Welt (mundus minor), nach dem Aufstieg über die sechs Erleuchtungsstufen: die Betrachtung der Welt als Spiegel Gottes, die Betrachtung ihres eigenen Urgrundes, die Erfahrung der Seele als Abbild des trinitarischen Gottes und das Studium der von > Christus bewirkten > Gnade. Auf der fünften Stufe steigt die Seele über sich hinaus und versucht Gott als das Sein selbst zu erfassen, was sie die sechste Stufe erreichen lässt, indem sie das Sein als das absolute Gutsein, als die vollkommene Liebe erfasst. Ausdruck dieser höchsten Mitteilsamkeit des Guten ist die Trinität selbst. Als einer der Ersten vertritt er die Ansicht, dass der Mensch nicht zu dem Zweck geschaffen sei, zu denken, sondern zu lieben.
B.s wichtigste Schriften sind: Beviloqium (Kurzes Gespräch); Collationes in hexaemeron (Ansprachen über das Sechstagewerk); De reductione artium ad theologiam (Die Zurückführung der Künste auf die Theologie); Itinerarium mentis in Deum (Pilgerbuch der Seele zu Gott); Soliloqium de quattuor mentalibus exercitiis (Alleingespräche über die vier geistlichen Übungen).

W.: Bonaventura, Sanctus: Doctoris Seraphici S. Bonaventurae S. R. E. Episcopi Cardinalis Opera omnia / iussu et auctoritate Rmi. P. Bernardini a Portu Romatino ... Ed. studio et cura P. P. Collegii a S. Bonaventura ad plurimos codices mss. emendata anecdotis aucta prolegomenis scholiis notisque illustrata. Ad Claras Aquas (Quaracchi): Typographia Collegii S. Bonaventurae, 1882–1991.

Lit.: Gilson, Étienne: Die Philosophie des heiligen Bonaventura.  Köln; Olten: Hagner, 21960; Ratzinger, Joseph: Die Geschichtstheologie des heiligen Bonaventura. Neuaufl. St. Ottilien: EOS-Verl, 1992.

 

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 2