Bon

Bon (tibet., „Beschwörung“) oder Bön. Nicht-buddhistische Religion Tibets. B. ist eine einheimische Religion Tibets, die im Westen von > Tibet durch Vermischung volksreligiöser, hinduistischer, buddhistischer und iranischer Elemente vor der ersten Ausbreitung des > Buddhismus (7. Jh.) entstand. Sie ist somit nicht die ursprüngliche Religion des Landes. Zudem war sie unorganisiert, hat sich dann aber zur Zeit der zweiten Ausbreitung des Buddhismus (11. Jh.) gesammelt. Zur Zeit des tibetischen Großreiches (7.–9. Jh.) wurde B. zur politischen Konkurrentin des Buddhismus und entwickelte sich in dieser Auseinandersetzung zu einer Hochreligion. In der Tat konnte der Buddhismus die Tier-  und Menschenopfer nicht dulden. Vor allem ließen die Auffassung von einem Gottkönig, der die Ordnung des Universums aufrechterhält, der Glaube an die Unsterblichkeit, an ein glückliches Leben nach dem Tod, das dem Bild eines aufgewerteten irdischen Lebens entspricht, keinen Platz für die Grundprinzipien des Buddhismus.
Das moderne B. weist hingegen bereits viele Gemeinsamkeiten mit dem Buddhismus auf, erhebt jedoch den Anspruch auf zeitliche Priorität. Doch trotz des Anspruchs auf ununterbrochene Kontinuität ist der Zusammenhang zwischen dem alten und dem modernen B. äußerst gering. Freilich liegt die Geschichte des frühen B. im Dunkeln, da nur zwei späte Quellenkomplexe vorliegen: die Fragmente der Tun-huang-Manuskripte (9. Jh. n. Chr.), bereits synkretistisch, und die späteren buddhistischen und Bonpo-Werke (12. Jh. und später).
Seit dem 18. Jh. unterscheiden die tibetischen Historiker drei Phasen des B.: 1. brdol bon (offenbartes B.), das keine Literatur hervorgebracht hat und vor allem um die Bannung schädlicher Mächte kreist. Die Tun-huang Manuskipte übersetzen Bonpo deshalb häufig einfach mit „Zauberer“. Eine zentrale Rolle spielt das Königtum. Die Könige sind als Repräsentanten der Götter unsterblich und hinterlassen nach dem Tod keinen Leichnam. Erst als die Verbindung zu Gott gelockert wurde, kamen die Königsgräber auf. 2. ´khyar bon (abweichendes B.), das den Menschen in das kosmische Geschehen einbindet und mit dem organisatorischen Ausbau des B. beginnt. 3. bsgyur bon (transformiertes B.), das sich in Ritus und Lehre an den Buddhismus anpasst und einen eigenen Schriftenkanon (Kangyur und Tengyur) entwickelt, um der Ausbreitung des Buddhismus seit Trisong Detsen (755–797) zu begegnen.
In der Frühzeit war B. sehr stark mit magisch-animistischen Elementen durchsetzt und konnte in mancher Hinsicht mit den schamanistischen Traditionen Zentralasiens verglichen werden (Luftritte, magische Trommel, Zurückrufen der Seelen Sterbender und Toter). So bezeichnet das Wort Bonpo einerseits jeden Anhänger des B., insbesondere aber dessen Priester, Zauberer und Exorzisten mit unterschiedlichen Funktionen, wie Ausübung der Wahrsagerei oder Durchführung von Grabriten zum Schutz der Lebenden und Toten. Die Toten werden von den Bonpos beim Namen gerufen und auf dem Weg durch den Zwischenzustand (> Bardo) geleitet. B. hat eine eigene Literatur über die Begegnung mit schreckenerregenden Gottheiten im Bardo.
In der > Kosmogonie stehen drei Mythen einander gegenüber: 1. Schöpfung aus dem ursprünglichen Weltenei; 2. Schöpfung aus der Zerstückelung eines personalen Urwesens; 3. Schöpfung als Werk eines deus otiosus (untätigen Gottes), der die Welt der Zweiheit, schwarze und weiße Lichtstrahlen, sukzessive hervorbringt. Die ersten beiden Mythen zeigen indische, der dritte hingegen zurvanische und eventuell manichäische Einflüsse.
In die Bonpo-Gemeinschaft gelangt man durch Riten, die körperliche und geistige Reinheit (Gelübde) erzeugen. So gibt es Asketen, die einen reinen Lebenswandel führen.
Mit Beginn des 11. Jhs. tritt die Bon-Schule auf, die sich hauptsächlich durch den Anspruch, die Kontinuität des alten B. zu bewahren, von den buddhistischen Schulen unterscheidet und heute noch tätig ist.

Lit.: Hoffmann, Helmut: Quellen zur Geschichte der tibetischen Bon-Religion: mit 5 Abb. im Text, 6 Taf. in Schwarzdr. u. 5 Taf. in Vierfarbendr. sowie 1 Kt. Mainz: Akad. d. Wissenschaften u. d. Literatur, 1950; Lokesh, Chandra et. al.: Catalogue of the Bon-Po Kanjur and Tanju. In: Indo-Asian Studies 2. New Dehli, 1965; Tucci, Giuseppe: Die Religionen Tibets und der Mongolei / Walther Heissig. Stuttgart u. a.: Kohlhammer, 1970; Kvaerne, Per: The canon of the Tibetan Bonpos. In: Indo-Iranian Journal vol 16 (1974), 18–56, 96–144; Nicolazzi, Michael Albrecht: Mönche, Geister und Schamanen: die Bön-Religion Tibets. Solothurn u.a.: Walter, 1995.

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 2