Bohnenorakel

Bohnenorakel (engl. bean oracle; it. oracolo del fagiolo), Weissagung mit Bohnen. In der Alten Welt zählten Saubohnen (Vicia fabae) zu den ältesten Ackerfrüchten. Die eigentliche Gemüsebohne, welche die Konquistadoren im 17. Jh. nach Europa brachten, züchteten die Indianer in Mittel- und Südamerika. Sie errang große symbolische Bedeutung für einen Neuanfang und als Frucht voller magischer Sexualität. Bereits aus ihrem Wachstum und Aussehen wollte man auf Leben und Sterben schließen. Brachte z. B. eine Bohne weiße Blätter hervor, wurde dies als Ende des Gemüsebauern gedeutet. 
Die > Azteken warfen 20 rote Bohnen auf eine Decke. Formten sie einen Kreis, so deutete dies auf ein Grab hin. Fielen sie so, dass ihre Zahl durch eine gerade Linie genau halbiert werden konnte, besagte dies Genesung von einer Krankheit. Zeigten die Bohnen hingegen keinerlei sichtbare Struktur, war für den Ausgang einer Krankheit das Schlimmste zu befürchten.
Bei einem mittelalterlichen > Orakel warf man fünf Bohnen auf den Tisch. Bildeten sie ein Kreuz, wurde dies als Glück in der Liebe und anderen Gefühlen gedeutet.
Auch in Griechenland bediente man sich des B.s, wie aus zwei inschriftlich erfolgten Festsetzungen der Gebühren des Orakels von Delphi hervorgeht. So betrug  der Preis des B.s für die Gemeinde einen Stater (Rosenberger, 51). Auch bei der Befragung der > Pythia kam das B. zur Anwendung. Als die Thessalier einen König suchten, schickten sie dem Apollon von Delphi Bohnen, auf denen die Namen der Kandidaten standen. Dabei mischte der Onkel des Aleuas eine Bohne mit dessen Namen ein, der von der Pythia sogleich ausgelost wurde. (Plutarch, 492).
Schließlich ist hier auch der bis in das 16. Jh. zurückzuverfolgende Brauch der Ermittlung des > Bohnenkönigs am Vorabend von Dreikönig zu nennen.

Lit.: Plutarch: Von der Heiterkeit der Seele = Moralia. Zürich: Diogenes, 2000; Rosenberger, Veit: Griechische Orakel: eine Kulturgeschichte. Darmstadt: Wiss. Buchges., 2001; Bauer, Wolfgang: Das Lexikon der Orakel. München: Atmosphären Verlag, 2004.

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 2