Böser Blick

Böser Blick (engl. evil eye; it. malocchio), > Schadenzauber durch Anblicken. Die Meinung, dass durch den gezielten, mit Bosheit beladenen Blick Menschen, Tieren und Gegenständen Schaden zugefügt werden kann, ist weltweit verbreitet. Bestimmte Menschen seien dazu besonders befähigt. Der Blick wirke automatisch.
Geschichte
Der Glaube an den B. B. findet sich bereits in der Antike. In > Ägypten gehörte er zum Volksglauben. Dies geht schon aus dem Schutzmittel hervor, das in den Pyramidentexten (1266) in den „zwei bösen Augen“ bezeugt ist, die mit ihrem erstarrten Blick den Türverschluss sichern. Seit etwa 800 v. Chr. sind die Zeugnisse in meist weiblichen Namen, die z. T. im Koptischen noch fortleben, zu finden (Spiegelberg). In der Bibliothek des Tempels von Edfu wurden Sprüche zur Vermeidung des B. B. verwahrt (Brugsch).
Ebenso ist in den alten Inschriften aus Babylon, Assyrien und Mexiko, in den indischen Veden, im persischen Avesta, in der Edda und in den nordischen Sagas davon die Rede. Auch die Werke vieler Klassiker, so Herodot, Horaz, Ovid, Vergil, Plutarch und Plinius,  befassen sich damit, wenngleich sich die Definitionen, was am Blick „böse“ ist, von Ort zu Ort unterscheiden. Die Südslawen erzählen von Geistern, Urok genannt, die überall herumlungern und bloß darauf warten, dass sie ein Mensch mit dem b. B. anzieht, um dann sogleich über das ahnungslose Opfer herzufallen.
Im > Islam kann sich der B. B. (ayn) sogar auswirken, ohne dass die Person, die ihn besitzt, die Absicht hat, zu schaden. Besonders gefährdet seien Kinder, Schwangere und Bräute (Sure 113, 5). Als Ursache sieht man den Neid, der sich in Worten oder Blicken ausdrücke. Deshalb wurde von Muhammad als eine der wirksamsten Gegenmaßnahmen das Rezitieren der Suren 113 und 114 empfohlen. Vom orthodoxen Islam wird die ganze Vorstellung missbilligt, weil sie die absolute Vollmacht Gottes umgehe, aber nicht auszurotten sei. Die vorislamischen Araber sahen im Blick des Auges übernatürliche, unheilvolle Kräfte (Kriss).
Der britische Dämonologe William > Perkins (1555–1602), berichtet in seinem Discourse of the Damned Art of Witchcraft (1608), dass es eine alte, allgemein anerkannte Meinung sei, dass aus den Augen boshafter und übel gesinnter Menschen mittels Strahlen schädliche und bösartige Geister hervorkommen, welche die Luft verpesten und nicht nur jene vergiften und töten, denen sie täglich begegnen, sondern auch andere, deren Geschäfte sie oft suchen – gleich, wie stark, welchen Alters und Aussehens sie auch sein mögen.
Kennzeichen
Die Kennzeichnung der Träger des B. B. erfolgt nach bestimmten Merkmalen. Jeder, der schielte oder sonst einen auffälligen Blick hatte, konnte wegen Behexens mit dem B. B. angeklagt werden. Bis heute stehen in der Schweiz, in Schottland, Irland, Palästina und Japan ganze Familien in diesem Ruf. Alte Weiber, Hebammen, Prostituierte und Bettler sind ebenso gefürchtet wie Berserker, Gelehrte, Ärzte und Priester. Auch Päpste wurden des B. B. beschuldigt, etwa Pius IX. und Leo XIII., desgleichen König Ludwig XIV. von Frankreich und der deutsche Kaiser Wilhelm II. In den Mittelmeerländern werden häufig Leute mit blauen Augen verdächtigt, während in Nordeuropa die Dunkeläugigen Argwohn erregen. Auch Zigeunern und Wahrsagern wird eine solche Fähigkeit  nachgesagt. In den 1930er Jahren wurde dem spanischen König Alfons XIII., der 1931 ins Exil ging, nachgesagt, dass er seine Feinde schädigen könne, indem er ihnen einfach den B. B. schicke.
In besonderen Fällen bedient man sich zur genaueren Diagnose einer Reihe magischer Prozeduren oder ruft das Orakel an.
Wirkung
Was die Auswirkungen des B. B. betrifft, so soll es nur wenige Menschen geben, die dagegen immun sind, denn die Kraft des B. B., die aus den Augen kommt, sei von großer Mächtigkeit. Pflanzen gehen ein oder liefern bittere bzw. ungenießbare Früchte. Alle Arbeit, auf der er ruht, missrät. Steine beginnen zu springen, Quellen versiegen, die Erde fängt an zu beben, kurz: die ganze Natur ist ihm untertan. Außer Menschen sind es Dämonen, Riesen, Zwerge, Tote, ja sogar Statuen und Bilder, denen der B. B. zugeschrieben wird.
Heilung und Schutz
Zur > Heilung einer Krankheit, die durch den B. B. verursacht wird, gibt es unzählige Mittel (HdA, Sp. 689). Durch ihn Getötete werden verbrannt, um die Einwirkung zu vernichten und den Täter zu treffen.
Schutz vor dem B. B. sollen glänzende > Amulette bieten, welche die Aufmerksamkeit auf sich lenken. Als Amulette verwendet man auch Korallenstücke, rote Bänder und Halsketten aus Blättern des Zehrkrautes, des > Bittersüßen Nachtschattens, des Waldnachtschattens oder Ketten aus blauen Perlen. Auch mit Inschriften versehene Ringe, Kirchenglocken, Hufeisen und halbmondförmige Symbole dienen der Abwehr.
Ein besonderes Mittel gegen den B. B. ist die > Hexenflasche, die aus einem Topf oder Kessel besteht. Sie wird mit Urin, Blut, Fingernägeln oder Haaren des Opfers angefüllt und um Mitternacht auf dem Herdfeuer erhitzt. Oder man zerkratzt die Stirn des Täters, um mit dem herausfließenden Blut den Fluch aufzuheben. Andere Abwehrmittel sind dreimaliges Anspucken, Abknicken von Ring- und Zeigefinger über den Daumen in die Handfläche (digitus infamis, „schamloser Finger“). Der Täter darf diese Geste jedoch nicht merken, daher steckt man die Hand in die Tasche. Eine andere Gegenmaßnahme ist das Tragen einer Kordelschnur, die man beim Hersagen von Namen der Macht mit Knoten versehen hat (> Knotenzauber). Oder man ruft Geister an, die gute Dienste leisten, bzw. setzt die Wirkung von Heiligenbildern, geweihten Gegenständen, Gebeten und kraftvollen, segensreichen Worten ein.

Lit.: Kriss, Rudolf: Volksglaube im Bereich des Islam. Wiesbaden: Harrassowitz, 1960; Hauschild, Thomas: Der böse Blick: ideengeschichtl. u. sozialpsycholog. Unters. Hamburg: Arbeitskreis Ethnomed., 1979; Seligmann, Siegfried: Der böse Blick und Verwandtes: e. Beitr. zur Geschichte d. Aberglaubens aller Zeiten u. Völker; 2 Bde. in e. Bd. Hildesheim [u. a.]: Olms, 1985; Bächtold-Stäubli, Hanns (Hg): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens (HdA). Bd. 1. Berlin: Walter de Gruyter, 1987; Larsson, Björn: Der böse Blick. München: Goldmann, 2003.

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 2