Blutwunder

Blutwunder (engl. blood miracle; ital. miracolo di sangue), außergewöhnliche Blutphänomene in Zusammenhang mit > Hostien, > Korporalien, > Kruzifixen, > Heiligenbildern, > Heiligen und > Seligen, Lebenden und Verstorbenen, Statuen und anderen Gegenständen, die seit dem 12. Jh. viele Wallfahrtskulte entstehen ließen. Doch bereits in der von Paulinus von Mailand († nach 422) verfassten Lebensbeschreibung des hl. Ambrosius heißt es: „In dieser Zeit ließ er (Ambrosius) den Leib des heiligen Nazarius... in die Apostelbasilika... überführen. Wir haben aber in dem Grab, in dem der Märtyrer lag, so frisches Blut gesehen, als wäre es am selben Tage vergossen.“ Nazarius erlitt jedoch schon um 304 den Märtyrertod. Vom Eremiten > Godrich von Finchale, der 90-jährig am Morgen des 21. Mai 1170 verstarb, schreibt Reginald von Durham, dass am Abend, als man beim Abschneiden der Zehennägel zu tief hineinschnitt, Blut herausspritzte, „wie bei einem lebenden Menschen“. Ähnliches wird von Johannes vom Kreuz und vielen anderen berichtet (Thursten, 343-355).
In diesem Zusammenhang ist auch die periodische Verflüssigung von geronnenem Blut in Blutreliquien zu nennen, wie z. B. beim hl. > Januarius. Ebenso zahlreich sind die Blutphänomene an Kreuzen, Herz Jesu-Bildern, konsekrierten Hostien und konsekriertem Wein. Hierher gehören ebenso die zahlreichen Blutmonstranzen als Behälter von Blut, dessen Ursprung auf ein Wunder zurückgeführt wird. Die Verehrung solcher Wunder war im 14. und 15. Jh. in Mitteleuropa gang und gäbe und ist mancherorts auch heute noch anzutreffen. So ist bspw. die Verehrung der Blutmonstranz von St. Georgenberg in Tirol, Österreich, 700 Jahre alt.
In den meisten Fällen sind historische Faktizität und theologischer Wundercharakter jedoch nicht gesichert. Zum Glauben an blutende Hostien könnte auch das Vorkommen des Hostienpilzes (bacterium prodigiosum) beigetragen haben.
B. an Kultbildern wurden nicht zuletzt mit Frevelgeschichten gegen Juden, Türken und Ketzer verbunden. Wurde das Kultbild verletzt, vergoss es Tränen oder Blutschweiß. Dieses Motiv ist  bis zu den blutenden Kruzifixen von Beirut und Konstantinopel in der Zeit des Bilderstreites zurückzuverfolgen, der 843 beendet wurde. Bekannt wurde auch das blutende Kreuz von Asti in Italien.
In neuerer Zeit hat eine Holzstatue in > Akita, Japan, die Aufmerksamkeit auf sich gezogen, wo im Juli 1973 von Antlitz und Hals sowie von Händen und Füßen der Marienstatue Blut floss. 1995 sonderte eine Statue in Civitavecchia bei Rom Blut ab, wovon der Bischof selbst Augenzeuge wurde. > Stigmatisation.

Lit.: Reginaldus Dunelmensis: Libellus de vita et miraculis S. Godrici, heremitae de Finchale. London: Nichols, 1845; Vita di S. Caterina da Bologna: seguita da divote ed affettuose preghiere ad essa gloriosissima Santa. Bologna, 1863; Thurston, Herbert: Die körperlichen Begleiterscheinungen der Mystik. Luzern: Räber & Cie., 1956; Paolino: Vita di S. Ambrogio, ed. M. Pellegrino. Roma, 1961, S. 98–100; Kretzenbacher, Leopold: Das verletzte Kultbild: Vorraussetzungen, Zeitgeschichten und Aussagewandel eines abendländischen Legendentypus. München: Akad, 1977; Kolb, Karl: Vom heiligen Blut: e. Bilddok. d. Wallfahrt u. Verehrung. Würzburg: Echter Verl, 1980; TRE. Theologische Realenzyklopädie, Studienausgabe, 6. Berlin: Walter de Gruyter, 1980, S. 727–742.

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 2