Blut

Blut (lat. sanguis; engl. blood; it. sangue), Lebensprinzip oder Sitz des Lebens, das medizinisch wegen seiner Komplexität ganz allgemein als das im Blutkreislauf bewegte flüssige Organ bezeichnet wird (Roche).
B. spielt seit Urzeiten in vielen Religionen sowie bei magischen und okkulten Praktiken eine zentrale Rolle. Es kann Gutes wie Gefährliches, Leben wie Tod verheißen.
Das aus dem dritten vorchristlichen Jahrtausend stammende chinesische Arzneibuch > Nei-king hebt das B. als die heilkräftigste Substanz hervor.
Der ägyptische Mythos lässt gern aus Blutstropfen, die ein Gott vergießt, Wesen und Dinge hervorgehen. So entsteht das Götterpaar Hu und Sia aus dem B. des > Re (Lexa: Magie II, 65).
Im > Judentum symbolisiert B. Leben. Die von Moses im Alten Testament vollzogenen Opfer werden als rituelle Handlungen beschrieben. Der Genuss des B. ist verboten (Lev 17, 11).
Die Griechen ließen B. in die Gräber tropfen, um den Toten bzw. ihren Schatten Lebenskraft zuzuführen.
Im > Christentum steht das B. Christi im Zentrum des Glaubens. Als B. des Lebens und des Glaubens wird es häufig als Herzblut bezeichnet. Schließlich erfolgt in der Eucharistie die Verwandlung von Brot und Wein in den Leib und das B. Christi.
Im > Islam spielen, im Unterschied zur weitgehend bildlosen > Sunna, in der > Schia und bei den Schiiten mit B. verbundene Rituale eine wichtige Rolle. Das Vergießen des B. soll dem Märtyrer die Erlösung garantieren. Der Genuss des B. ist hingegen verboten.
Anders verhält es sich bei den > Blutopfern in > Nepal, bei denen B. für das Leben gegeben wird. In diesen Ritualen werden der Göttin > Durga noch heute tausende Tiere geopfert. Das B. sichert das Bündnis zwischen Göttern, Göttinnen und den Menschen.
Zahlreich sind auch die Mythen im Zusammenhang mit B. und Recht. Dabei spielt B. in Form von Opferblut, Blutsbanden, > Blutschande und > Blutrache eine wichtige Rolle. B. ist auch im Kontext von Genealogie und Geschlecht zur Bestimmung der > Blutsverwandtschaft, der Stammbäume, des Erbrechtes, der Familienzugehörigkeit und der rassischen Gemeinschaft von Bedeutung.
Während im Judentum und im Islam das Trinken von B., wie erwähnt, verboten ist, wurde es in den Mysterienreligionen geradezu geübt und ist in okkultistischen und satanistischen Zirkeln bis heute anzutreffen. Dabei geht es vor allem um die Einverleibung der Lebenskraft.
In diesem Zusammenhang wurde das B. einer der Hexenkunst mächtigen Person lange Zeit als Mittel für deren Zaubereien betrachtet. Man glaubte, dass die bösen Kräfte der Hexe in ihrem B. lägen und so an ihre Kinder weitergegeben würden. Dieser Glaube lag möglicherweise auch der auf dem europäischen Festland verbreiteten Gepflogenheit zugrunde, Hexen zu verbrennen, statt sie, wie in England üblich, zu hängen. Zudem nahm man an, dass sie Hausgeister mit ihrem B. nährte und mit diesem den > Teufelspakt unterzeichnete. Beim > Hexensabbat würde sie zur Stärkung ihrer Macht das B. kleiner Kinder und von Säuglingen trinken. Diese Macht hoffte man daher durch das Zufügen einer Wunde oberhalb von Mund und Nase (> Hexenkratzen), aus der sie blutete, brechen zu können. Eine weitere Gegenmaßnahme, bei der B. eine Rolle spielte, war die > Hexenflasche, die B., Haare und Urin einer vermeintlichen Hexe enthielt.
Schließlich gibt es auch die Vorstellung, dass B. verunreinigend sei. So gelten vor allem Frauen, die menstruieren oder ein Kind geboren haben, weithin als unrein.
Durch die Entdeckung des Blutkreislaufes 1628 durch William Harvey (1578–1657), dem Entstehungszeitpunkt der modernen Physiologie, wurde das B. zwar zur bloßen Trägersubstanz, seine Komplexität, Eigenart und Lebensbedeutung schmälern jedoch kaum seine mythische Bedeutung.

Lit.: Lexa, François: La magie dans l’Egypte antique de l’ancien empire jusqu’a l’epoque copte. Paris: Geuthner, 1925, Bd 1–3; 1.Concordance du Houang-T'ing King, Nei-king et Wai-king / Schipper, Kristofer M. Paris: École Française d'Extreme-Orient, 1975; Strack, Hermann L.: Das Blut im Glauben und Aberglauben der Menschheit. München: Arbeitsgemeinschaft für Religions- und Weltanschauungsfragen, 1979; Schlehe, Judith: Das Blut der fremden Frauen: Menstruation in der anderen und in der eigenen Kultur. Frankfurt a. M. [u. a.]: Campus Verl., 1987; Mythen des Blutes / Christina von Braun, Christoph Wulf [Hrsg.]. Frankfurt a. M.; New York: Campus, 2007.

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 2