Blumhardt, Johann Christoph

Blumhardt, Johann Christoph (*16.07.1805 Stuttgart; † 25.02.1880 Bad Boll, Württembg. / Deutschland), evangelischer Pfarrer in Bad Boll in Württemberg, Pietist und Geistheiler.
Als Sohn eines Bäckers und Holzmessers in Stuttgart geboren, wuchs B. im christlichen Elternhaus, umgeben vom schwäbischen Pietismus, in ärmlichen Verhältnissen auf, konnte aber dennoch das Gymnasium besuchen. Ab 1820 weilte er zur Vorbereitung auf seinen Dienst in der Kirche im Seminar Schöntal. Nach dem Verlust des Vaters 1822 musste er dessen Stelle in der Familie einnehmen. Von 1824 bis 1829 studierte er an der Universität Tübingen Theologie. Nach dem bestandenen 1. Theologischen Examen wurde er Vikar in Dürrmenz bei Mühlacker, 1830 Missionshauslehrer in Basel, 1837 Vikar in Iptingen und 1838 Pfarrer in Möttlingen bei Bad Liebenzell, wo er Doris Köllner heiratete.
Hier kam er 1841 auch mit einer jungen Frau aus der Gemeinde namens Gottliebin > Dittus in Kontakt, die an einer unerklärlichen Krankheit litt. Sie wurde von Krämpfen geplagt und fremde Stimmen sprachen aus ihr. Zwei Jahre hindurch, von 1842 bis 1843, betreute B. sie seelsorglich. Bald entwickelten sich Zustände in der Gemeinde, die von B. und vielen Gleichgesinnten als Einwirkung satanischer Mächte gedeutet wurden. Zu Weihnachten 1843 endete das Leiden der Dittus, das B. später in einem Krankheitsbericht an das kirchliche Konsistorium als „Geisterkampf“ bezeichnete. Der laute Ruf der Geheilten, „Jesus ist Sieger“, wurde zum Losungswort für B.
Diese Heilung löste eine Buß- und Erweckungsbewegung aus. Am 8. Januar 1844 kamen vier Gläubige aus der Gemeinde zur Beichte. Am 27. Januar waren es schon 16, die Zahl der beichtwilligen Personen stieg auf 246 und schließlich kam fast das ganze Dorf. Auch Auswärtige besuchten die Gottesdienste von B. So zählte man an einem Pfingstfest 2.000 Abreisende. Die liberale Presse verhöhnte die Ereignisse als Betrug und Wundergläubigkeit und die kirchliche Behörde griff einige Male mit einem Verweis gegen B. ein, doch die Bewegung war nicht zu bremsen. Scharen von leiblich und seelisch Hilfsbedürftigen suchten B. auf und kehrten großteils geheilt zurück. B. war überzeugt, dass das Kommen des Reiches Gottes bevorstand und dass es eine „zweite Ausgießung des Heiligen Geistes“ geben werde. Er war beflügelt von einer universalen Hoffnung, die sich auch auf sein soziales Handeln auswirkte. Nach dem Vorbild von Pfarrer > Oberlin aus dem Steintal eröffnete er 1844 einen Kindergarten und setzte die geheilte Gottliebin Dittus als erste Kindergärtnerin ein. 
1852 kaufte B. mit Hilfe von Freunden das königliche Bad Boll und zog mit seiner Familie dorthin, um sich ganz den „Elenden“ zu widmen. Er wurde zum Helfer unzähliger Kranker, denen er mit Gottes Wort und Gebet zur Seite stand. In seinem Seelsorgezentrum im Kurhaus empfing er bis zu seinem Tod 1880 Gäste aus ganz Europa und aus allen gesellschaftlichen Schichten, seit 1869 unterstützt von seinen Söhnen. Nach seinem Tod führte sein Sohn Christoph Friedrich Blumhardt das Werk des Vaters fort.
Wenn auch die Heilung der Gottliebin Dittus von ihren aufsehenerregenden Zuständen nicht als Exorzismus im katholischen Sinne verstanden werden kann, da B. nicht kraft der Priesterweihe mit der Gewalt des > Exorzismus ausgestattet war, so wird man sein Handeln doch im Sinne der Forderung Christi: „Diese Art kann nur durch Gebet ausgetrieben werden!“ verstehen dürfen. Wie bei fast allen dämonischen Besessenheitsfällen ist auch im Fall der Gottliebin die Grenze zwischen psychischer Störung und dämonischer Besessenheit fließend. Dementsprechend ist die Berichterstattung darüber. Abgesehen davon dürfte B. mit besonderen Heilerfähigkeiten ausgestatten gewesen sein. Unbestritten ist jedenfalls, dass er vielen Menschen geholfen hat und dass diese Hilfe ohne ihn nicht stattgefunden hätte.

W.: Ueber die Heilung leiblicher Kranker durch die Kraft des Geistes und des Gebets: ein Auszug aus der Verteidigungsschrift Christoph Blumhardts gegen Dr. de Valenti; mit einem kurzen Lebenslauf Pfarrer Blumhardts. Lorch: Rohm, 1910; Gesammelte Werke: Schriften, Verkündigung, Briefe. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1968.
Lit.: Ragaz, Leonhard: Der Kampf um das Reich Gottes in Blumhardt, Vater und Sohn – und weiter! Erlenbach-Zürich: Rotapfel-Verl, 1922; Zündel, Friedrich: Johann Christoph Blumhardt: ein Lebensbild. 13. Aufl / neu bearb. von Heinrich Schneider. Giessen [u. a.]: Brunnen-Verl, 1936; Ising, Dieter: Johann Christoph Blumhardt: Leben und Werk. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2002.

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 2