Blavatsky, Helena Petrowna

Blavatsky, Helena Petrowna, geb. von Hahn-Rottenstern (*12.08.1831 [nach anderen Quellen am 31.07.1831] Jekaterinoslaw, heute Dnepropetrowsk, Ukraine, †08.05.1891 London), Spiritistin, Medium, Begründerin der theosophischen Bewegung, auch bekannt unter den Initialen HPB.
B. war die Tochter von Oberst Peter A. von Hahn und praktizierte bereits als Mädchen das > Automatische Schreiben. 1848 heiratete sie mit 17 Jahren den um 43 Jahre älteren General Nikifor V. Blavatsky, den sie aber schon nach drei Monaten wieder verließ. Sie floh nach Konstantinopel und bereiste bis 1863 die verschiedensten Länder in fast allen Erdteilen, bis sie in Tibet jene Eingebungen erhielt, auf deren Verbreitung in westlichen Ländern sich ihre lebenslangen Bemühungen richten sollten. Nach ihren eigenen Angaben wurde sie in Tibet von > Mahatmas unterrichtet und traf schließlich ihren „Meister“, zu dem sie bereits vorher spirituellen Kontakt hatte.
Am 7.07.1873 kam sie nach New York, wo sie in esoterischen Kreisen aktiv wurde und durch ihre Kritik an gängigen Glaubenssätzen und Praktiken Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Ab hier beginnt die eigentliche Geschichte der > Theosophie. Denn die Zeit von 1851 bis 1875 hätte sie am liebsten aus ihrem „Lebensbuch“ gestrichen.
1874 bildete sich um die Gebrüder Eddy in Chittenden, Vermont, die den neuen Spiritismus bekannt gemacht hatten, eine Spiritistengruppe, zu der u. a. der Journalist Henry Steel > Olcott gehörte. Zu dieser Gruppe stieß eines Tages auch B. Olcott erkannte ihre medialen Fähigkeiten und tat viel für ihre Popularität. B. arbeitete als Medium und machte dabei der Öffentlichkeit sich und ihren Schutzgeist „John King“ bekannt. Gemeinsam mit Olcott gründete sie bald einen eigenen Kreis, den Miracle Club. Am 3.04.1875 heiratete sie in Philadelphia den viel jüngeren Michael C. Betanelly, von dem sie jedoch bald geschieden wurde.
B. war ganz von ihren spirituellen Ideen getragen, übersetzte Artikel Olcotts ins Russische und schrieb am 3.12.1874 in The Spiritual Scientist: „Für über 15 Jahre habe ich meinen Kampf für die heilige Wahrheit gekämpft... Aus Sehnsucht nach Spiritualismus habe ich meine Heimat verlassen.“
Am 7.09.1875 machte G. H. Felt den Vorschlag den Kreis zu erweitern und als Theosophische Gesellschaft zu benennen. Dabei setzte man sich das Ziel, nicht länger den reinen Spiritismus und dramatische Séancen zu pflegen, sondern alte wie neue magische Praktiken und Lehren zu erforschen. Olcott wurde zum Präsidenten gewählt und blieb dies bis zu seinem Tod. Er wurde zum unermüdlichen Organisator, während B. sich mit der geistigen und literarischen Arbeit befasste. Erste Ergebnisse veröffentlichte sie in dem Buch Isis entschleiert (Isis Unveiled), das ihr „von den Meistern der Weisheit durch Astrallicht und mit geistigen Führern“ diktiert worden sei. Das Buch erschien am 2.10.1877 und verschaffte ihr viele Gegner auch in den eigenen Reihen, vor allem wegen ihrer Kritik am Christentum und an der Wissenschaft. Zudem ist in der „Isis“ weder von Meistern noch vom Karma die Rede, auch die Lehre von der Transmigration (Reinkarnation) hat eine völlig eigene Note. Um der zunehmenden Kritik zu entgehen, wanderten B. und Olcott 1878 nach Indien aus, wo beide zum > Buddhismus übertraten. Von nun an flossen verstärkt Elemente indischer und vermeintlich tibetischer spiritueller Überlieferung in ihr Werk ein. Sie sprach hier erstmals vom Wirken der Großen Weißen Bruderschaft, die eine Zeit lang ihren Sitz in Tibet gehabt haben soll. Die Menschen suchten B. vor allem auf, um an der automatischen Korrespondenz teilzunehmen. Inzwischen war aus dem Geistführer John King längst der kosmische Meister geworden, der nun mit seinen „Brüdern“ unter anderem B.s Hauptwerk, die Geheimlehre, diktierte. 1879 gründete B. mit Olcott die Zeitschrift The Theosophist. 1882 wurde der Sitz der Gesellschaft nach Adyar bei Madras in Indien verlegt.
Am 21.02.1884 reisten B. und Olcott nach Europa, wo sie bis zur ihrer Rückkehr nach Madras am 20.12.1884 blieben. In London beeindruckte B. mit ihren Vorführungen eine Kommission der > SPR, wurde jedoch von ihrer Assistentin in Indien, Emma Cutting Coulomb, des Betrugs beschuldigt. Gerade während der Abwesenheit von B. und Olcott 1884 kam es im Hauptquartier der TG in Adyar zu Streitigkeiten, in deren Folge das mit B. von New York her befreundete Ehepaar Coulomb Adyar verlassen musste. Daraufhin übergab Frau Coulomb ca. 40 Briefe von B. einer Zeitung zur Veröffentlichung, in denen B. offen Betrugsabsichten äußerte. Ein Briefschalter, über den man sich an die „Mahatmas“ wenden und deren „Briefe“ entgegennehmen konnte, hatte nach hinten eine Öffnung zu B.s Schlafzimmer. In der „Coulomb-Affäre“ stehen sich allerdings zwei Meinungen gegenüber und eindeutige Beweise gegen B. liegen nicht vor.
Während ihres Europa-Aufenthalts weilte B. auch im deutschen Elberfeld bei Familie Gebhard, wo im Beisein von W. Q. Judge und Dr. Hübbe-Schleiden am 23.07.1884 die erste deutsche > Theosophische Gesellschaft gegründet wurde.
Die SPR fühlte sich durch die Beschuldigungen seitens Emma Coulomb verunsichert und entsandte Richard > Hodgson zwecks Aufklärung nach Indien, dessen 1885 veröffentlichter Bericht den Verdacht bestätigte. Er kam bei seiner Untersuchung zudem zum Schluss, dass die „Mahatma-Briefe“ von B. selbst verfasst wurden. 1986 veröffentlichte dann der Fälschungsexperte Vernon Harrison im > Journal of the Society for Psychical Research (vol. 53, Nr. 803, S. 386–410) eine Kritik des „Hodgson-Report“, die von den Theosophen als postume Rechtfertigung aufgefasst wird. Die SPR hat sich auch in anderen Stellungnahmen vom „Hodgson-Report“ des Jahres 1885 distanziert.
B. musste jedenfalls am 26.03.1885 Indien für immer verlassen. Sie ging zunächst nach Deutschland, wo sie in Würzburg und Elberfeld lebte, bevor sie dann 1887 endgültig nach London zog. Als die Theosophische Gesellschaft auseinanderzubrechen drohte, nahm sie entsprechende strukturelle Veränderungen vor, wobei die Gründung einer „Esoterischen Schule“ in den Jahren 1887 bis 1889 die weitreichendste war. Diese Schule stand unter ihrer eigenen Leitung und war von der Gesellschaft unter Olcott völlig unabhängig. Um Vorkommnisse wie jene in Indien zu vermeiden, sollten die Lehren der Meister nur einem engen, streng kontrollierten Kreis von Schülern zukommen, die einem Schweigegebot unterworfen wurden.
In ihren letzten Lebensjahren war B. vor allem mit der Abfassung ihrer Hauptwerke „Die > Geheimlehre“ (The Secret Doctrine), die 1888, im Jahr der Gründung der Esoterischen Sektion der Theosophie, erschien, sowie mit „Der Schlüssel zur Theosophie“ (The Key to Theosophy), erschienen 1889, befasst.
Das Programm der „Geheimlehre“ spiegelt die inzwischen erfolgte Begegnung mit der indischen Geisteswelt wider. Zudem handelt es sich dabei um eine der rätselhaftesten esoterischen Weltentwicklungsvisionen, welche über Darwin hinausgehend eine Entwicklungslehre beinhaltet, in der das Reinkarnationsgesetz zur Grundlage der gesamten Evolution erklärt wird. 
B. starb 1891 in London. > Theosophie, > Anthroposophie.

W.: Isis entschleiert: ein Meisterschlüssel zu den Geheimnissen alter und neuer Wissenschaft und Theologie. 2 Bde; Der Schlüssel zur Theosophie: E. Auseinandersetzung in Fragen u. Antworten über Ethik, Wissenschaft u. Philosophie. Leipzig: Max Altmann; Die Geheimlehre: die Vereinigung von Wissenschaft, Religion und Philosophie / Robert Froebe [Übers.]. Den Haag, NL: J. J. Couvreur, 1899; Im Vorhofe des Okkultismus: Wichtige Richtlinien für Schüler u. Jünger d. Geisterforschg. Leipzig: Theosoph. Verl.-Haus, 1917; Die Stimme der Stille: u. andere ausgewählte Bruchstücke aus d. „Buch d. goldenen Lehren“. Graz: Adyar-Verl., 1953; Gesammelte Werke in 15 Bänden. Los Angeles u. Wheaton, Ill., 1950–1973; Die Stimme der Stille. Gespräche von Annie Besant und C. W. Leadbeater. Grafing: Aquamarin, 22006; Ein Leben für die Meister: die Briefe / H. P. Blavatsky. Hrsg. von John Algeo. Grafing: Aquamarin-Verl., 2009.

Lit.: Frohnmeyer, Leonhard Johannes: Die theosophische Bewegung, ihre Geschichte, Darstellung und Beurteilung. Stuttgart: Calwer Vereinsbuchhandlung, 1923; Hartmann, Franz: Grundriss der Geheimlehre von H. P. Blavatsky. Calw / Württ.: Schatzkammer-Verlag Fändrich, 1980 (?); Besant, Annie Wood: H. P. Blavatsky, Die Stimme der Stille: Gespräche / C. W. Leadbeater. München: Hirthammer, 1986; Harrison, Vernon: H. P. Blavatsky und die SPR: eine Prüfung des Hodgson-Berichts aus dem Jahr 1885. Hundsangen: Theosophischer Verl., 1998; Ruppert, Hans-Jürgen: Helena Blavatsky – Stammutter der Esoterik. Berlin: EZW, 2000; Cranston, Sylvia / Carey Williams: Leben und Werk der Helena Blavatsky. Begründerin der modernen Theosophie. Grafing: Aquamarin, 22001; Barborka, Geoffrey A.: Der göttliche Plan: ein Kommentar zu „Die Geheimlehre“ von H. P. Blavatsky. Eine Darlegung der Lehren der esoterischen Philosophie mit einer Analyse und Erklärung aller verwendeten Begriffe; besonders für Menschen geschrieben, die „Die Geheimlehre“ lesen und besser verstehen möchten. [Aus dem Amerikan. von der Theosophischen Gesellschaft, Deutsche Abteilung]. Freiburg i. Br.: Maurer, 2005; Helena P. Blavatsky: eine Einführung in ihr Leben und Werk / aus dem Engl. neu übers. und hrsg. von Sylvia Botheroyd. Grafing: Aquamarin-Verl., 2006.

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 2