Bilsenkraut

Bilsenkraut (Hyoscyamus niger, H. muticus, H. aureus), eine Pflanze aus der Familie der Nachtschattengewächse mit äußerst giftigen Eigenschaften, im Volksmund auch Schlafkraut, Zigeunerkeit, Prophetenkraut, Tollkraut, Nasenkraut, Dullkraut, Dulldill oder auch „Teufelswurz“ genannt. Kraut und Samen enthalten das stark narkotische Alkaloid Hyoscyamin, das als milderndes, schmerz- und krampfstillendes Mittel  in der modernen Medizin Verwendung findet.
Diese Eigenschaft des B. war schon in uralten Zeiten bekannt. > Apollon hätte es entdeckt  und dem > Äskulap übergeben. > Pythia, die Priesterin des Apollon zu Delphi, saß auf einem Dreifuß über einer Erdspalte, aus der betäubende Dämpfe, möglicherweise Rauchschwaden von B. oder Lorbeer aufstiegen, um Orakelsprüche zu erteilen (Marzell, 168). Dioskurides (IV, 69) befasst sich ausführlich mit B. und nennt zwei Arten, die zum Gebrauch untauglich sind, weil sie Wahnsinn und Lethargie bewirken. > Plinius (XXV, 35) schreibt B. dem > Herkules zu. Bei den Römern hieß B. > Apollinaris, „die (Pflanze) des Apollon“. Apollon war eine der bedeutendsten Orakelgottheiten der Antike und das psychoaktiv bis stark halluzinogen wirkende B. war das bedeutendste Mittel zur Wahrsagung. Für gewöhnlich wurde dazu von den Pythias, Sibyllen und Wahrsagerinnen wie auch bei den germanischen Alrunas der Rauch von Kraut oder Samen inhaliert, um in dem dadurch ausgelösten veränderten Bewusstseinszustand Orakel zu geben.
Bei den Germanen wurde B. auch beim > Wetterzauber benutzt, wie Bischof > Burchard von Worms im 9. Jh. berichtet:
„Zur Zeit anhaltender sommerlicher Dürre scharen sich die Mädchen zusammen, ziehen eine ihrer Gespielinnen nackt aus und suchen Bilsenkraut (herbam jusquiamum quae Teutonica belisa vocatur). Dieses muss das ent­kleidete Mädchen mit dem kleinen Finger der rechten Hand ausreißen, dann wird es ihm an die kleine Zehe des rechten Fußes gebunden. Hierauf führen einige Mädchen mit Ruten in den Händen die Entkleidete zum nächsten Fluss und besprengen sie mit Wasser. Auf diese Weise soll der erwünschte Regen herbeigeführt werden. Dann wird das Mädchen, das aber wie ein Krebs rück­wärts gehen muss, wieder zurückgeführt“ (Marzell, 168).
B. soll auch eines der Ingredienzien der berühmten > Hexensalbe und des > Bieres gewesen sein.
Noch im 17. Jh. wurde B. zu hellseherischen Zwecken verwendet, und in Litauen glaubte man noch im 19. Jh., dass man mit Hilfe von B. Gedanken auf andere Menschen  übertragen könne. In Shakespeares Hamlet wird B. als Morddroge am Dänenkönig genannt. Bis ins 19. Jh. wurden die Dämpfe des B. als Heilmittel gegen Zahnschmerzen und Asthma verwendet.

Lit.: Gesemann, Gerhard: Regenzauber in Deutschland. Braunschweig: Vieweg, 1913; Marzell, Heinrich: Unsere Heilpflanzen, ihre Geschichte u. ihre Stellung in d. Volkskunde: Ethnobotan. Streifzüge. Freiburg i. Br.: Th. Fisher, 1922; Schöpf, Hans: Zauberkräuter. Graz: ADEVA, 1986; Stamm, Christian: Kräuter mit Vergangenheit: Geschichte, Botanik, Chemie, Toxikologie und Pharmakologie von Alraune, Tollkirsche und Bilsenkraut, mit besonderer Berücksichtigung der Hexensalben; mit 6 Tabellen und über 1200 Literaturhinweisen. Thayngen: C. Stamm, 1992; Plinius Secundus, Gaius: Naturalis historia: lat./dt. = Naturgeschichte / Plinius der Ältere. Ausgew., übers. und hrsg. von Marion Giebel. Stuttgart: Reclam, 2005; Pedanius Dioscorides, of Anazarbus: De materia medica. Transl. by Lily Y. Beck. Hildesheim [u. a.]: Olms-Weidmann, 2005.

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 2