Beziehungswahn

Beziehungswahn, zwanghafte Beziehung aller in der Umwelt beobachteten Vorgänge auf sich selbst. Ernst Kretschmer bezeichnet mit sensitivem B. eine krankhafte Steigerung des sensitiven Reaktionstypus, die bis zur Paranoia auflaufen kann. Der Wahnkranke ist davon überzeugt, dass bestimmte Ereignisse nur seinetwegen geschehen bzw. dass andere Personen über ihn sprechen oder ihn ausspionieren. > Wahn.
Von diesem Wahn sind jene Beziehungen zu unterscheiden, die als „Offenbarung“ eine Person aus einer beklemmenden Situation holen. So berichtet Ernst > Benz von einer Visionsform, „bei der überhaupt keine Veränderung des Zustandes des Tagesbewusstseins, keine Entraffung, eintritt, sondern in der der betreffende Beobachter mit seinen nor­malen Augen einen normalen Vorgang im normalen Lebensbereich wahrnimmt, ihm aber plötzlich der symbolische Gehalt, der ‚Sinn‘, die tiefere Bedeutung des Geschauten klar wird. Was hier vor sich geht, besteht darin, dass spontan ein Sinngehalt eines Vorgangs entdeckt wird, der zu einer wichtigen Frage des eigenen Lebens des Beobachters in Beziehung steht; die Entdeckung dieses symbolischen Gehalts und dieser geheimnisvollen Beziehung des Geschauten zu dem eigenen Lebensproblem wird als eine „Offenbarung“ empfunden (Benz, 94). Als Beispiel führt er den Mystiker Heinrich > Seuse an, der in seiner Niedergeschlagenheit über die Verfolgung seiner Mitbrüder im Kreuzgang eines Klosters einen Hund sieht, der mit einem alten Fußtuch spielt. Plötzlich blickt Seuse auf und hört die Worte: „Kann es anders nicht sein, so gib dich darein und, gerade wie sich das Fußtuch schweigend misshandeln lässt, so tu auch Du“ (Benz, 94). Seuse holte sich das Fußtuch und zog es immer hervor, wenn er in Ungeduld auffuhr.

Lit.: Kretschmer, Wolfgang: Der sensitive Beziehungswahn: ein Beitrag zur Paranoiafrage und zur psychiatrischen Charakterlehre. 4., erw. Aufl. / hrsg. von Wolfgang Kretschmer. Berlin [u. a.]: Springer, 1966; Benz, Ernst: Die Vision: Erfahrungsformen und Bilderwelt. Stuttgart: Ernst Klett, 1969.

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 2