Bewusstseinsentwicklung

Bewusstseinsentwicklung. Vorstellung von einer phylogenetischen und ontogenetischen Entfaltung des menschlichen Bewusstseins. Das gegenwärtige Bewusstsein der Menschheit ist das Ergebnis eines historischen bzw. persönlichen Prozesses, dessen Stufen und zukünftige Form verschieden dargestellt werden.
Nach Jean > Gebser ist B. phylogenetisch keine Höherentwicklung, sondern ein Weggehen vom Ursprung, wofür er den Begriff „Bewusstseinsmutation“ prägte. Die früheren Bewusstseinsstufen leben als verborgener Besitz im Menschen weiter. Dabei unterscheidet Gebser folgende Bewusstseinsebenen: 1. die archaische, den Urzustand, noch ohne Trennung von Innen und Außen; 2. die magische, den Beginn der Bewusstwerdung im Empfinden der Welt als fremde Kraft, die er aber nicht als Ganzes erfassen kann, sondern durch Beschwörung und Magie in den Griff zu bekommen sucht; 3. die mythische, das Erfassen des Inneren durch Mythen; 4. die geistige oder mentale, die Fähigkeit bewusst zwischen Traum und Wachheit oder mythischer Welt der Seele und Wirklichkeit zu unterscheiden; 5. die integrale und ganzheitliche, die ganzheitliche Welterfassung und Erweiterung der Perspektive.
Demgegenüber versucht Ken > Wilber in Verbindung von neuplatonischer und indischer Philosophie, die B. in ontogenetischer Sicht in acht Stufen, der großen Kette des Seins, als Entwicklung und Rückkehr des Seins in den Urgrund (Höchster Geist), aufzuzeigen: 1. pleromatische oder uroborische Stufe: physische Natur; 2. typhonische oder magische Stufe: Körper; 3. verbale, mythische Stufe: Übergang zum Selbstbewusstsein; 4. rationale, mental-ichhafte, selbstreflexive Stufe: entwickelter Geist; 5. psychische Stufe (schamanisch); 6. subtile Stufe: Übergang zum überbewussten, transpersonalen Sein; 7. kausale Stufe: Dharmakaya, Stufe der vollkommen Erleuchteten; 8. Höchste Einheit: das Absolute. Auf jeder Stufe habe der Mensch den Drang, zur kosmischen Einheit zurückzukehren; dabei muss das Ich den Tod seiner gegenwärtigen Ebene akzeptieren und sie dadurch zur nächsthöheren Stufe transzendieren.

Lit.: Gebser, Jean: Ursprung und Gegenwart. Bd. 1 / Mit 69 Abbildungen im Text und auf 24 Tafeln sowie einer synoptischen Tafel. 2., erg. Aufl. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt, 1966; ders.: Ursprung und Gegenwart. Bd. 2 / Kommentarband. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt, 1966; Wilber, Ken: Das Spektrum des Bewußtseins: ein metapsychologisches Modell des Bewußtseins und der Disziplinen, die es erforschen. München: Scherz, 1987; ders.: Halbzeit der Evolution: der Mensch auf dem Weg vom animalischen zum kosmischen Bewusstsein. Frankfurt a. M.: Fischer-Taschenbuch-Verl., 1996.


 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 2