Bergson, Henri

Bergson, Henri (* 8.10.1859 Paris; † 4.01.1941 ebd.), Hauptvertreter der spiritualistischen Lebensphilosophie. Sohn jüdischer Eltern mit irischen Vorfahren, studierte Philosophie und lehrte als Lehrer an der École Normale Supérieure und dann von 1900–1921 als Prof. am Collège de France in Paris die französische Philosophie. Dem Positivismus, Szientismus und Phänomenalismus seiner Zeit setzte er eine Neubegründung der Metaphysik entgegen und stieß damit auf großen Widerhall. 1914 wurde er in die Académie Française gewählt und 1928 erhielt der den Nobelpreis für Literatur. Seit dem Ersten Weltkrieg war B. in diplomatischer Mission zu den USA tätig. Spirituell näherte er sich im Alter dem Katholizismus. Sein Begräbnis im besetzten Frankreich von 1941 wurde zu einer Art nationaler Demonstration.
B.s Denksystem entwickelte sich aus einer Kritik der Zeitauffassung Kants. Die Zeit als Kontinuum von Zuständen zu sehen, sei eine verstandesmäßige Deutung, die dem Phänomen Zeit nicht gerecht werde. Die Zeit könne nur intuitiv erfasst werden, da sie ihrem Wesen nach Dauer sei, in der das Lebendige sich verwirklicht. Sie ist das unmittelbar Gegebene. In der grundlegenden Beschreibung dieses unmittelbar Gegebenen kann die Philosophie strenge Wissenschaftlichkeit erreichen, denn die ihr eigene Methode ist die > Intuition. Diese könne nämlich, unabhängig von der Begrenzung des Intellekts, das Gegebene erfassen. Dabei  bezeichnete B. den freien Willen als die eigentliche Natur unseres Lebens und als Ausdruck der Individualität. Die Vorstellung von einer dem Menschen zugänglichen ewigen Gegenwart wies er jedoch zurück.
Bei dieser intuitiven Betrachtung des Gegebenen, des élan vital, der schöpferischen Lebenskraft, befasste sich B. auch intensiv mit parapsychologischen Fragen. 1913 war er sogar Vorsitzender der > Society for Psychical Research. Gemeinsam mit Charles > Richet und anderen bedeutenden Persönlichkeiten, nahm er auch an Sitzungen mit Medien, wie Eusapia > Paladino, teil (Verborgene Welt, S. 16). 
B. war überzeugt, dass der menschliche Geist unabhängig vom Körper existieren und operieren und somit den Tod überdauern könne.
Dieses Interesse für das Paranormale findet sich auch bei seiner Schwester Moina Bergson. Sie war mit Samuel MacGregor > Mathers verheiratet, einem der führenden Okkultisten und Mitbegründer des > Hermetischen Ordens der Goldenen Dämmerung.

W.: Materie und Gedächtnis: eine Abhandl. üb. d. Beziehung zwischen Körper u. Geist. Neu übers. von Julius Frankenberger. Jena: Diederichs, 1919; Zeit und Freiheit: Eine Abhandlung über d. unmittelbaren Bewußtseinstatsachen. Jena: Diederichs, 1920; Einführung in die Metaphysik. Jena: Diederichs, 1920; Die seelische Energie. Aufsätze u. Vorträge. Jena: Diederichs, 1928; L'Ame et le corps. Mit Einl. u. Anm. hrsg. von Max Müller. Frankfurt a. M.: M. Diesterweg, 1928; Denken und schöpferisches Werden: Aufsätze u. Vorträge. Meisenheim am Glan: Westkulturverl., 1948; Textes de Bergson; Premières rédactions de la conscience et la vie, fantômes de vivants, le rêve, l'effort intellectuel, le possible et le réel, la perception du changement; Index des matières des oeuvres. L'année Bergson / (1859–1941). Presses universitaires de France, 1961; Materie und Gedächtnis und andere Schriften. Frankfurt a. M.: S. Fischer, 1964; Schöpferische Entwicklung. Zürich: Coron-Verl., 1967.

Lit.: Wissenschaftlicher Kronzeuge. In: Verborgene Welt 5 (1955) 1.

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 2