Benedikt XIV.

Benedikt XIV., Papst (17.7.1740–3.5.1758), vorher Prospero Lambertini, wurde am 31.3.1675 in Bologna geboren. Zu höheren theologischen Studien begab er sich nach Rom und spezialisierte sich in bürgerlichem und kanonischem Recht. Etwa 40 Jahre lang war er zunächst als Konsistorialanwalt, später als Glaubensanwalt in der Hl. Ritenkongregation tätig, auch noch als Bischof. 1727 wurde er Erzbischof von Ancona, 1728 Kardinal und 1731 Erzbischof von Bologna, wo er u. a. die erste Frau in der Geschichte zur Professorin der Physik ernannte.
Sein Hauptverdienst liegt in der Gesetzgebung, in die er die Kenntnisse seiner 30-jährigen Tätigkeit als Glaubensanwalt (advocatus diavoli) der Ritenkongregation (heute Heiligsprechungskongregation) über das Gesamtgebiet der Heiligsprechung und die Wunderfrage einbaute. Dabei folgt er bei der Herausgabe der Zusammenführung der zahlreichen Dokumente, die sich im Laufe der Jahrhunderte zum Thema Wunder angesammelt hatten, in seinem monumentalen Werk Opus De Servorum Dei Beatificatione et Beatorum Canonizatione der kirchlichen Lehre mit strengen Kriterien. Denn obgleich er es für möglich hält, hinsichtlich Martyrium und Heroizität der Tugenden zu einem sicheren Urteil gelangen zu können, besteht er dennoch auf der Notwendigkeit von Wundern als einer göttlichen Bestätigung dieser Tugenden. Die Wunder sind notwendig, um sicherzustellen, dass das Leben eines Nicht-Märtyrers insgeheim nicht „laxer“ („laxior“) verlaufen ist als aus den Zeugenaussagen hervorgeht, wobei er sich auf die Lehre des Thomas von Aquin beruft, demzufolge Gott Wunder zum Wohle der Menschen, zur Untermauerung der verkündeten Lehre oder zum Beweis der Heiligkeit eines Dieners Gottes wirkt, entweder zu dessen Lebzeiten oder nach seinem Tod.
Um hier jedweder Form einer vorschnellen Beurteilung als übernatürlich vorzubeugen, setzt sich Lambertini im dritten und vierten Band von De Servorum mit den einschlägigen paranormologischen Themen im Zusammenhang mit der Wunderheilung auseinander, die im Folgenden kurz aufgelistet seien:

Die Charismen: Buch III, Kapitel XLII–LIII

XLII
XLIII

Charismen (Gaben)
Charismen der Sprache der Weisheit und der Sprache des Wissens

XLIV     

Charismen des Glaubens, der Heilung und der Wunder

XLV

Gabe der Prophetie

XLVI

Für und Wider die Gabe der Prophetie

XLVII

Charisma der Prophetie bei den Selig- und Heiligsprechungsverfahren

XLVIII

Charismen der Unterscheidung der Geister, Gabe der Sprachen und der Deutung der Sprachen

XLIX

Ausstieg aus der Sinneswahrnehmung, Ekstase und Entrückung (raptus)

L

Visionen und Erscheinungen

LI

Unterscheidung bei Fällen von Visionen und Erscheinungen

LII

Visionen und Erscheinungen bei den Fällen der Selig- und Heiligsprechung

LIII

Offenbarungen

Wunder im Allgemeinen: Buch IV, Kapitel I–VII

I

Wunder und ihre Unterteilungen

II

Verursachung der Wunder

III

Böse Engel, Ungläubige, Häretiker, Antichrist und schließlich das Bewirken von Wundern von Seiten der Sünder

IV

Zweck der Wunder und Unterschied zwischen echten und falschen Wundern

V

Die Notwendigkeit der Wunder bei den Selig- und Heiligsprechungsverfahren

VI

Quantität und Qualität der erforderlichen Wunder bei den Selig- und Heiligsprechungsverfahren

VII

Bestätigung des in den Kapiteln Gesagten durch Gelehrte aus Frankreich

Heilungswunder: Buch IV, Kapitel VIII–XIX

VIII

Göttliche Heilung von Krankheit und Unwohlsein

IX

Wann Blindenheilung wunderhaft sei

X

Die Gabe oder Rückgabe des Sprache an Stumme, des Gehörs an Taube, dank eines Wunders

XI

Außergewöhnliche göttliche Heilung von Hinkenden und anderer Behinderter im Gehen, und auch der Buckeligen

XII

Heilung der Gelähmten, wann sie wunderhaft sei

XIII

Außergewöhnliche göttliche Heilung der Epileptiker und der unter Hysterie Leidenden

XIV

Außergewöhnliche göttliche Heilung des Wahnsinns und der Hydrophobie

XV

Außergewöhnliche göttliche Heilung der Wassersucht, von Empyem und Vorfall

XVI

Heilung von Blutverlust und von Hämorrhagie im Allgemeinen, Heilung von Wunden,
wenn sie ein Wunder darstellen

XVII

Außergewöhnliche göttliche Heilung von Lepra, Krebs, von Brand und anderen Krankheiten

XVIII

Heilung von Fieber, wenn sie als wunderhaft zu bezeichnen sei

XIX

Heilung von verschiedenen Krankheiten, wenn sie wunderhaft sei

Außergewöhnliche Phänomene verschiedener Natur: IV. Buch: Kapitel: XX–XXXIII

XX

Wunderhafte Geburt

XXI

Einige Wunder, die im Himmel und auf Erden geschehen

XXII

Negative Wunder

XXIII

Die Multiplikation von Dingen und ihre Transformation in andere Dinge

XXIV

Wunder, die die Herrschaft über die Elemente, die irrationalen Geschöpfe und die Pflanzen
betreffen

XXV

Einige Wunder, die im Himmel und auf Erden geschehen

XXVI

Blutschweiß und Bluttränen, die vom Körper und den Augen des Dieners Gottes ausgehen,
das Licht und der Lichtstrahl, in dem ihr Gesicht zuweilen aufstrahlt

XXVII

Die Verlängerte Enthaltung von Speise u. Trank, ob u. in welchem Maße man dies unter die Wunder einreihen kann

XXVIII

Einige geistige Wunder

XXIX

Die Austreibung der Teufel aus dem Körper der Besessenen

XXX

Unverweslichkeit der Leichname

XXXI

Die Eigenschaften einiger Leichname, das Blut, die Flüssigkeit, der Geruch, der von den
Leichnamen ausgeht, inwieweit sie unter die Wunder zu zählen sind

XXXII

Erscheinungen von Seligen und Heiligen, ob sie unter die Wunder einzureihen sind

XXXIII

Einbildung und deren Möglichkeit


In Vorbereitung dieser Abhandlungen in De Servorum verfasste Lambertini ein Manuskript mit dem Titel Notae de miraculis, das Emidio Alessandrini O.F.M. in Bologna entdeckte und in seiner von Andreas > Resch vorgeschlagenen Doktorarbeit als von Lambertini geschrieben identifiziert und anhand der Wiedergabe des lateinischen Originaltextes kommentiert hat.  Das in 7 Kapitel eingeteilte Manuskript befasst sich in Kap. 1) mit der Definition des Wunders; in 2) mit dem Wunder im Allgemeinen; in 3) mit den Regeln der Unterscheidung der Wunder; in 4) mit den unkörperlichen Substanzen; in 5) mit der Magie; in 6) mit der Existenz der Wunder in der christlichen Religion und in 7) mit der Qualität der Wunder der christlichen Religion.

Wenn auch viele Deutungen des Paranormalen in den Werken Lambertinis vom heutigen Wissensstand aus als zeitbedingt erscheinen, so betont er doch bereits die Macht der Suggestion, sieht auch im nichtchristlichen Raum positive Aspekte des Paranormalen, kann sich eine natürliche Ekstase auch bei Heiligen und eine natürliche Ursache bei Offenbarungen vorstellen. So bezeichnet er den Daimonion des Sokrates als innere Stimme, als göttliches Zeichen, das ihm von der politischen Tätigkeit abriet.
Während das Werk De Servorum eine reife Arbeit ist, die zusammen mit anderen im Klima der Aufklärung entstand, wurden die Notae de miraculis in Lambertinis frühen Jahren und ohne besondere Rücksicht auf die öffentliche Meinung verfasst, wenngleich die wissenschaftlichen und seelsorglichen Aspekte in der zweiten Hälfte der Arbeit berücksichtigt werden. Die Notae sind daher als Initialkern von De Servorum zu bezeichnen.
In De Servorum versucht Lambertini angesichts der rationalistischen Verneinung alles Außergewöhnlichen durch die Aufklärung auf der einen Seite und die Diskussionsentfremdung der Theologen vom Empfinden des Volkes auf der anderen Seite das Paranormale auf eine solide kritische Urteilsebene zu stellen, ohne es grundsätzlich zu verneinen. So schrieb er: „Der Mensch wandert zwischen zwei Abgründen, sodass es einfach ist, ihn alles glauben und nichts glauben zu sehen.“ Diese Zwiespältigkeit suchte er durch eine kritische Betrachtung des Paranormalen zu überwinden.
Von besonderer Bedeutung sind in diesem Zusammenhang die von Lambertini formulierten Kriterien zur Beurteilung von Wunderheilungen, die sich wie folgt zusammenfassen lassen und heute noch Geltung haben:

1. Die Krankheit muss schwer und ihre Heilung laut Urteil qualifizierter Ärzte extrem schwierig bis unmöglich sein.
2. Die Krankheit darf sich nicht schon kurz vor dem Abklingen befin­den oder bei der Krisis angelangt sein, welche der Heilung des Kranken vorausgeht. Nicht gegen ein Wunder spricht jedoch, wenn die Krankheit normalerweise durch ein Medikament oder andere ärztliche Mittel geheilt werden kann, diese Mittel aber dort fehlen, wo sich das Wunder ereignet.
3. Es dürfen keine Medikamente verabreicht worden sein, die eine solche Krankheit heilen könnten. Ferner muss sicher sein, dass sich die verwendeten Medikamente als unwirksam erwiesen.
4. Die Heilung muss plötzlich erfolgen.
5. Die Heilung muss vollständig sein. Zurückbleiben dürfen lediglich harmlose Folgeerscheinungen, wie etwa Narben.
6. Der Heilung darf keine größere heilsame Krise vorausgegangen sein, dies unter Bezugnahme auf Galenus, demzufolge die Natur eine Heilung auf dreifache Weise bewirken könne: durch Dekubitus, durch Krisis und durch einfache Remission.

Aufgrund dieser umfangreichen Betrachtung des Paranormalen ist Benedikt XIV. als der erste Paranormologe zu bezeichnen.

W.: De Lambertinus Opus De Servorum Dei Beatificatione et Bea­torum Canonizatione, in septem volumina distributum. Editio novissima ad postremam remondinianam exacta. Prati, MDCCCXXXIX f.

Lit.: Alessandrini, Emidio: Creder tutto Creder nulla: Il Notae de Miraculis: Opera inedita del Cardinale Prospero Lambertini (Benedetto XIV), sui fenomeni straordinari e magico-superstiziosi. Excerpta ex Dissertatione ad Doctoratum in Theologia Morali Conse­quendum. Assisi: S. Mariae Angelorum, 1995 (Die Doktorarbeit wurde an der Accademia Alfonsiana, Rom, unter Leitung von Sabatino Majorano und Andreas Resch verfasst.).

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 2