Bender, Hans

Bender, Hans (*5.02.1907 Freiburg i. Br., Deutschland; † 7.05.1991 ebd.), Nestor der Parapsychologie der zweiten Hälfte des 20. Jhs.
B. interessierte sich schon sehr früh für das Außergewöhnliche. Mit 17 Jahren nahm er an einer Séance in London teil, in der mittels Planchette-Buchstabieren Botschaften erhalten wurden, welche die Teilnehmer offenbar überraschten. Solche und ähnliche rätselhafte Vorgänge scheinen dafür verantwortlich zu sein, dass B. sich nach einem kurzen Jusstudium in seiner Heimatstadt für das Studium der Psychologie, Philosophie und Romanistik entschied. In Paris hörte er im Collège de France Pierre > Janet, der sich mit dissoziierten Bewusstseinszuständen befasste und Schwierigkeiten hatte, die > Telepathie in sein Weltbild einzuordnen. Dies stimulierte B., sich eingehend mit Parapsychologie zu befassen. 1933 promovierte er bei Prof. Erich Rothacker mit der Dissertation Psychologische Automatismen: Zur Experimentalpsychologie des Unterbewussten und der außersinnlichen Wahrnehmung. B. absolvierte dann als Assistent am Bonner Psychologischen Institut das Studium der Medizin, das er 1939 mit dem Staatsexamen abschloss. 1941 habilitierte er sich an der Bonner philosophischen Fakultät mit der Arbeit Experimentelle Visionen. Kurz nach der Habilitation wurde er Dozent an der damaligen Reichsuniversität Straßburg, wo er das Institut für Psychologie und Klinische Psychologie unter Einbezug der Astrologie aufbaute.
Da ihm nach dem Krieg die Franzosen die parapsychologische Literatur überließen, brachte er sie zusammen mit der Büchersammlung von Dr. Albert von > Schrenck-Notzing in Sicherheit, um bereits 1946 mit der Errichtung eines Instituts zu beginnen. Unterstützt von Frau Lotte Böhringer konnte er 1950 in Anwesenheit von Prof. J. B. > Rhine und dessen Frau Louisa in Freiburg das Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene eröffnen. 1953 stellte Fanny > Moser eine Stiftung für eine personelle Besetzung zur Verfügung. An der Universität Freiburg konnte B. als Gastprofessor seine Lehrtätigkeit fortführen. 1953 kam es zur Errichtung eines Extraordinariats für Psychologie und Grenzgebiete der Psychologie, das B. übertragen und 1967 in ein Ordinariat umgewandelt wurde. Zur gleichen Zeit wurde dem Psychologischen Institut der Universität eine Abteilung für Grenzgebiete der Psychologie angegliedert, für die von der Universität Räume in Benders Institut angemietet wurden. Damit war auch die Lehrtätigkeit von B. bestimmt: 70% Psychologie, 30 % Parapsychologie.
Nach seiner Pensionierung 1975 widmete sich B. der Leitung des Instituts. Durch seine Veröffentlichungen und Vorträge wurde er zu einem der bekanntesten und zugleich am meisten angegriffenen Professoren im deutschen Sprachraum, was auch seine zahlreichen Ehrungen bekunden, von denen hier nur die Ehrenmitgliedschaft des Instituts für Grenzgebiete der Wissenschaft (IGW) in Innsbruck und das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse genannt seien.
In den letzten Jahren zog sich B. von der Öffentlichkeit zurück und starb völlig unerwartet am 7. Mai 1991.
Trotz aller Angriffe und Verleumdungen ist es B. gelungen, die Parapsychologie zu universitären Ehren zu führen, was z. B. Max Dessoir (Berlin), Traugott Konstantin Österreich (Tübingen), August Messer (Gießen) oder Hans Driesch (Leipzig) nicht gegönnt war.
In der wissenschaftlichen Ausrichtung von B. lassen sich zwei Ansätze ausmachen: die parapsychologische Erforschung der „okkulten“ Erscheinungen und die psychohygienische Hilfestellung für die „okkult“ Geschädigten. Dabei waren für B. nicht so sehr die statistischen Daten als vielmehr die persönlichen Erfahrungen von Bedeutung, worin er sich mit C. G. > Jung sehr verbunden fühlte. Hingegen war ihm die Beschränkung J. B. Rhines auf die Kartensymbole als standardisiertes Versuchmaterial zu eng, da für ihn das „affektive Feld“ für die Manifestation von Psi von besonderer Bedeutung war. Hier stimmte er mit dem Holländer  W. H. C. > Tenhaeff überein, mit dem er > Platzexperimente mit dem Hellseher Gerard > Croiset durchführte.
Als weiterer Schwerpunkt seiner Forschung ist neben den Spukfällen, von denen er 60 untersuchte, die Welt der Träume zu nennen, wozu die medial begabte Schauspielerin Christine > Mylius einen herausragenden Beitrag leistete. Zudem hat B. gegen den offiziellen Trend der empirischen Parapsychologie auch die Astrologie in sein Programm aufgenommen und selbst die Frage des Fortlebens nach dem Tode nicht völlig ausgeblendet.
Was schließlich seine Veröffentlichungen anbelangt, so belaufen sich diese – abgesehen von Artikeln und Interviews in Zeitungen und Illustrierten sowie Rundfunk- und Fernsehsendungen – auf 186 Titel (Bauer). Thematisch lassen sich diese Arbeiten vor allem den Begriffen > Außersinnliche Wahrnehmung, > Hellsehen, > Präkognition, > Psychokinese und > Telepathie zuordnen.
Besonders hervorzuheben sind schließlich noch die 1957 erfolgte Gründung der Zeitschrift für Parapsychologie und Grenzgebiete der Psychologie sowie die Errichtung einer Spezialbibliothek, die seit 1973 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft unterstützt wird.

W.: Psychische Automatismen. Zur Experimentalpsychologie des Unterbewußten und der außersinnlichen Wahrnehmung. Leipzig: Barth, 1936; Zum Problem der außersinnlichen Wahrnehmung: ein Beitrag zur Untersuchung des „räumlichen Hellsehens“ mit Laboratoriumsmethoden. Sonderdruck. Leipzig: Barth, 1936; Unser sechster Sinn: Telepathie, Hellsehen und Psychokinese in der parapsychologischen Forschung. Stuttgart [u. a.]: Dt. Verl.-Anst, 1975; Parapsychologie, ihre Ergebnisse und Probleme. Frankfurt/M.: Fischer Taschenbuch Verlag, 1976; Zukunftsvisionen, Kriegsprophezeiungen, Sterbeerlebnisse. Aufsätze zur Parapsychologie II. München: Piper, 1983; Telepathie, Hellsehen und Psychokinese. Aufsätze zur Parapsychologie I. München: Piper, 51984; Umgang mit dem Okkulten. Freiburg: Aurum, 21986; als Hg.: Parapsychologie, Entwicklungen, Ergebnisse, Probleme. Darmstadt: Wiss. Buchges., 1980.

Lit.: Bauer, Eberhard: Verzeichnis der Schriften von Prof. Dr. Dr. Hans Bender. In: Zeitschrift für Parapsychologie und Grenzgebiete der Psychologie 29 (1987) 1, 101–111; Gruber, Elmar R.: Suche im Grenzenlosen: Hans Bender – ein Leben für die Parapsychologie. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1993.

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 2