Baum

Baum, in der Botanik eine ausdauernde Pflanze, die einen deutlich erkennbaren aufrechten Stamm besitzt, der aus einer Wurzel emporsteigt und an dem sich oberirdisch Äste befinden, die wiederum Zweige, Blätter, Blüten und Früchte ausbilden.
Der B. gehört zu den wichtigsten Rohstoffen der Welt. Er liefert Bau- und Heizmaterial, den Rohstoff für die Papierverarbeitung und Erdöl sowie verschiedene Früchte. Er ist wichtig für die Luftreinigung. Seine Wurzeln halten das Wasser in der Erde. Er ist ein natürlicher Helfer gegen Überflutungen und Erosion. Es ist daher nicht verwunderlich, dass der B. schon früh zu einem Ursymbol mit fast unüberschaubarem Bedeutungsreichtum wurde.
Weltbaum
Als Weltbaum steht der B. in der Mitte des Alls und verbindet Himmel und Erde. Bei den Germanen ist es die Weltesche > Yggdrasyl, in persischer Überlieferung ein gewaltiger Baum, der aus dem Ozean aufragt, im älteren Hinduismus ein umgekehrter Baum mit den Wurzeln im Himmel und den Zweigen unter der Erde. Die > Bhagavadgita deutet den umgekehrten Baum auch als Symbol für die Entfaltung alles Seienden aus einem Urgrund. Der umgekehrte Baum taucht ebenso in anderem Zusammenhang auf, so in der > Kabbala als Lebensbaum oder im Islam als B. des Glücks. Im Judentum entspricht er dem Himmelsbaum – dem siebenarmigen Leuchter, der die Planeten trägt.
Sein hohes Alter macht den B. zum Symbol der Ewigkeit. Besonders die immergrünen Bäume (Lorbeer, Myrte, Zeder, Tanne, Zypresse) scheinen unberührt vom Gesetz des Vergehens und stehen daher in hohem Ansehen. So ist die Zeder das Symbol Jahwes (Ps 92, 13–15; 104, 16), die den Blitz anziehende Eiche ist > Zeus und > Odin geweiht, der Ölbaum > Athene, der Lorbeer > Apollon, die Myrte > Aphrodite.
Der B. vereint in sich auch Dauer und Schwinden, Bleiben und Werden, Hartes und Zartes, Starkes und Schwaches, Hohes und Tiefes. Er spendet Schatten, Schutz, Sicherheit und Heilung, wie der zwölfmal Früchte tragende B., „jeden Monat einmal; und die Blätter der Bäume dienen zur Heilung der Völker“ (Offb. 22, 2). Kranke kriechen durch Bäume oder werden hindurchgezogen. Andererseits werden Krankheiten in den Wald oder in einzelne B. verbannt.
Lebensbaum
In vielen Religionen und Philosophien ist der B. Symbol für Leben und Erkenntnis und wird als solches in einer Unzahl künstlerischer Werke dargestellt (vgl. Hieronymus Bosch und Lucas Cranach). Zudem steht der B. für Kreation, Schönheit, Fruchtbarkeit, Gesundheit, Größe, Erfolg und Freude. Auch Maria wurde als Lebensbaum aufgefasst.
In China wurden bei Todesfällen Bäume für die Verstorbenen gepflanzt, um ihre Seelen auf der Reise zu stärken und den Körper zu schützen. Ägyptische Darstellungen zeigen, wie die Himmelsgöttin (Hathor, Nut) den Toten aus einem B. heraus Speise und Trank reicht. In der Kabbala besteht der Baum aus zehn Sphären, den > Sephirot, durch die die Schöpfung hindurchgegangen ist, und symbolisiert den archetypischen Menschen > Adam Kadmon.
Bis heute wird vereinzelt der uralte Brauch gepflegt, für jedes neugeborene Kind einen B. zu pflanzen. Zur Lebensbaumsymbolik gehören schließlich auch der Maibaum und der Christbaum.
Baum der Weisheit
Im B. glaubte man die Stimme Gottes zu hören, z. B. von Jahwe (2 Sam 5, 23f.), in der > Eiche von Dodona jene von > Zeus; > Buddha empfing die Erleuchtung unter einem > Bodhi-Baum. Nach > Plinius (†79 n. Chr.) waren Bäume die ersten Tempel der göttlichen Wesen.
In der > Alchemie spielt der B. als > arbor philosophica eine Rolle, dem > Mercurius vergleichbar, ist er die Vorstufe zum großen Mysterium, und die erstrebte Vollkommenheit wurde als Frucht des unsterblichen Baumes (fructus arboris immortalis) angesehen.
Wohnsitz der Götter
Die Germanen und die Kelten verehrten den B. als etwas Heiliges, als Wohnsitz der Götter. Jeder keltische Buchstabe repräsentierte eine heilige Pflanze. Es gab sogar einen Kalender, der auf den heiligen Bäumen aufgebaut war. Das Baumalphabet war die Grundlage der > Druiden bei ihrem Verständnis von Leben und Tod.
Lebewesen
Dem B. werden schließlich alle Qualitäten eines besonders sensiblen Lebewesens zugeschrieben. Er empfindet Schmerz, kann alkoholisiert, geimpft, betäubt und vergiftet werden. Er spricht auf  Kälte, Wärme, Feuchtigkeit, Trockenheit, Licht, Farbe, Töne an. Er gedeiht besser durch Zufuhr von Lebensmagnetismus, sei es durch Bestrahlung mit der Hand, sei es durch Begießen mit magnetisiertem Wasser, ja sogar durch liebevolle gefühlsmäßige und gedankliche Zuwendung. Gleichzeitig emaniert er heilende und stärkende Kräfte, strahlt Ruhe aus und schenkt Geborgenheit. > Baumkult.

Lit.: Bauerreiss, Romuald: Arbor Vitae: der „Lebensbaum“ und seine Verwendung in Liturgie, Kunst und Brauchtum des Abendlandes. München: Filser, 1938; Schrödter, Willy: Magie – Geister – Mystik. Berlin: Schikowski, 1958. Hermsen, Edmund: Lebensbaumsymbolik im alten Ägypten: e. Unters. Als Ms. gedr. Köln: Brill, 1981; Höhler, Gertrud: Die Bäume des Lebens: Baumsymbole in d. Kulturen d. Menschheit. München: Goldmann, 1988; Mazal, Otto: Der Baum: ein Symbol des Lebens in der Buchmalerei. Graz: ADEVA, 1988; Holmberg-Harva, Uno: Der Baum des Lebens: Göttinnen und Baumkult. Bern: ed. amalia, 1996; Vom Baum der Erkenntnis zum Baum des Lebens: ganzheitliches Denken der Natur in Wissenschaft und Wirtschaft; [im Rahmen des Forschungsprojektes „Kulturgeschichte der Natur“ entstanden] / von Klaus Michael Meyer-Abich und Gerhard Scherhorn. München: Beck, 1997.

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 2