Bardo Thödol

Bardo Thödol (tibet., „Befreiung durch Hören im Zwischenzustand“), als Tibetisches Totenbuch bekannter Text aus einer Serie von Unterweisungen, die auf den buddhistischen Schriftgelehrten > Padmasambhava zurückgehen sollen. Dieser reiste 810 n. Chr. auf Einladung des tibetischen Königs Trisong Deutsen nach Tibet, blieb dort insgesamt 55 Jahre, lehrte den > Dharma und begründete auf diese Art den Buddhismus in Tibet und den Lamaismus. Der Text wurde im 14. Jh. als > Terma zu einem Lehrsystem ausgearbeitet. 
Ziel des B. T. ist es, den Verstorbenen über die eigentliche Natur der 49-tägigen Nachtodwelt zu unterrichten. Dabei sollte schon der Sterbende dem Tod nicht nur ruhig und klaren Geistes entgegengehen, sondern auch mit rechtgeführtem Bewusstsein. Ihm soll der Text klar und deutlich in das Ohr gesprochen werden, wobei der Betreffende drei- bis siebenmal beim Namen genannt wird. Daher setzt der Text dort ein, wo Fleisches- und Geistkörper sich voneinander zu lösen beginnen und der Schritt getan werden muss, den der B. T. „Verlegung des Bewusstseinsprinzips“ nennt und womit die drei Zwischenzustände (> Bardo) zu beschreiten sind, die im B. T. als Prozess des Sterbens und der Wiedergeburt beschrieben werden und eng mit der Lehre der drei Buddha-Körper (> Trikaya) zusammenhängen:
1. Mit dem Zerfall der äußeren Wirklichkeit und dem Einstieg in den Bardo wird das wahre Wesen des Geistes als ein blendend weißes Licht erfahren. Gelingt es dem Verstorbenen nicht, sich mit dieser Erfahrung zu identifizieren, fällt er in einen bewusstlosen Zustand. Es bildet sich ein sog. Bewusstseinskörper als Subjekt der kommenden Erfahrungen.
2. In dem 14 Tage dauernden Bardo der Höchsten Wirklichkeit (> Dharmata), die nun folgt, nimmt das Bewusstsein Formen von 42 friedvollen und 58 rasenden Gottheiten wahr, die als ein sich entfaltendes > Mandala in Erscheinung treten. Dabei wird durch die friedvollen Gottheiten der Aspekt der Leerheit und durch die rasenden Gottheiten der Aspekt der Klarheit repräsentiert. Diese Gottheiten sind Spiegelbilder der eigenen Seele.
3. Kann der Bewusstseinskörper auch dieses Mal die Lichterscheinungen nicht als seine eigene Projektion erkennen, beginnt der 28 Tage dauernde Zwischenzustand des Werdens, wobei das Bewusstsein in den ersten drei Wochen seine früheren Taten (> Karma) durchlebt. Erlangt es dabei noch immer keine Befreiung, stellt es sich dem Totenrichter > Yama und macht sich sodann in der letzten Woche, getrieben von seinen karmischen Bildekräften, auf die Suche nach einem der sechs Wiedergeburtsbereiche.
Alle drei Phasen bieten durch das Hören der entsprechenden Anweisungen die Möglichkeit, das Wesen des eigenen Geistes zu erkennen und das > Nirwana, die Befreiung, zu erlangen.

Lit.: Das tibetanische Totenbuch oder die Nachtod-Erfahrungen auf der Bardo-Stufe: [ein Weisheitsbuch der Menschheit] / nach der engl. Fassung des Lama Kazi Dawa-Samdup hrsg. von W. Y. Evans-Wentz. Im Auftr. des Hrsg. für die 7. Aufl. neu bearb., kommentiert und eingeleitet von Lama Anagarika Govinda. Übers. von Louise Göpfert-March. Mit einem Geleitw. und einem psycholog. Kommentar von C. G. Jung und einer Abh. von Sir John Woodroffe. Olten; Freiburg i. Br.: Walter, 1991.

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 2