Bardo

Bardo (tibet., „Zwischenzustand“), im tibetischen Buddhismus der Zustand zwischen Tod und Wiedergeburt. „Bar“, bedeutet „zwischen“, und „do“ ist ein Zahlenbegriff. In der besonderen Bedeutung des Tibetischen Totenbuches ist „Bar-do“ ein Zustand zwischen zwei gleichen Zuständen, nämlich „zwischen zwei Leben“ oder Daseinsformen in körperlicher bzw. irdischer Gestalt. So wird mit „Bar-do“ eigentlich ein drittes Dasein benannt, nämlich der Daseinszustand des Menschen nach seinem Tod und vor seiner Wiedergeburt. Damit ist die buddhistische Vorstellung von der Kontinuität des Seins oder Lebens verbunden.
Dieser Zwischenzustand hat jedoch eine viel weitere Bedeutung als nur jene des nachtodlichen Daseinsweges. So gibt es eine ganze Anzahl von Zwischenzuständen. Dies hängt mit der buddhistischen Grundauffassung zusammen, dass es letzthin im Leben, im Erkennen, in allen Arten von Dasein und Form oder Materie nur Zwischenzustände gibt und keine definitiv unveränderlichen Formen.
Bereits in den Werken des > Hinayana- und > Mahayana-Buddhismus um das 2. Jh. finden sich Hinweise zu Vorstellungen eines Zustandes, der den Tod eines Individuums mit seiner nachfolgenden Wiedergeburt verbindet. Diese Konzeption wurde in der Lehre des > Vajrayana weiter ausgebaut, sodass in den > Naro Chödrug und im > Bardo Thödol sechs Arten des Zwischenzustandes unterschieden werden: 1. Bardo der Geburt; 2. Bardo der Träume; 3. Bardo der Versenkung (> Dhyana); 4. Bardo des Augenblicks des Todes; 5. Bardo der Höchsten Wirklichkeit (> Dharmata); 6. Bardo des Werdens. Die ersten drei umfassen das Diesseits als Phase von „Schwebezuständen“, die letzten drei den Zwischenzustand.
Die Dauer dieses Zwischenzustandes wird (zum größten Teil symbolisch) mit 49 Tagen angegeben. Durch Opfer und Gebete versuchen die Angehörigen, die Dauer des genannten Zustandes zu verkürzen, dessen drei B. so aufeinander folgen: Im ersten erfolgt die Begegnung mit dem klaren Licht, um mit ihm in der spirituellen Herausforderung selbst als Licht zu verschmelzen und so die Befreiung zu erlangen. Gelingt das nicht, gerät man in das zweite Bardo, wo man Göttern und Dämonen begegnet. Erkennt der Verstorbene dabei, dass diese Wesen nur seine eigene Seele widerspiegeln, kommt es zu einer Verschmelzung mit dem Licht der Weisheit. Scheitert auch diese Begegnung, gelangt man in den dritten Bardo, in dem die Wiedergeburt geplant und vorbereitet wird.
Im Tibetischen Totenbuch, werden die Gefahren dieses Zwischenzustandes beschrieben und Verhaltensregeln angegeben. Zudem lehren die tibetischen Lamas eine Sterbetechnik, die den betreffenden Menschen durch diese Bardos hindurchführt, so dass er dem karmischen Kreislauf der Wiedergeburten entgeht und in das > Nirwana gelangt.

Lit.: Das Tibetanische Totenbuch oder Die Nach-Tod-Erfahrungen auf der Bardo-Stufe Olten; Freiburg i. Br.: Walter-Verlag, 101975; Lauf, Detlef-I.: Geheimlehren Tibetischer Totenbücher: Jenseitswelten und Wandlung nach dem Tode; ein west-östlicher Vergleich mit psychologischem Kommentar. Freiburg i. Br.: Aurum, 31979; Bowker, John (Hrsg.): Das Oxford-Lexikon der Weltreligionen. Darmstadt: Wiss. Buchges., 1999; Hummel, Reinhart: Reinkarnation: der Glaube an die Wiedergeburt. Freiburg u. a.: Herder, 1999.

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 2