Balten

Balten, Angehörige verschiedener indogermanischer Völker, die das sog. Baltikum bewohnen. Dazu gehören die Staaten Litauen, Lettland und Estland. Mit dem Sammelnamen „baltische Völker“ werden hingegen die drei ethnisch und sprachlich eng zusammengehörenden Völker der Letten, Litauer und Pruzzen bezeichnet, von denen Letztere im Zuge der deutschen Kolonisation im 16. Jh. zu bestehen aufhörten. Der Name Pruzzen ging 1701 auf den preußischen Staat über, als das „Königreich Preußen“ gegründet wurde.
Von diesen Völkern ist bekannt, dass sie die jetzt von ihnen bewohnten Gebiete bereits im 2. Jahrtausend v. Chr. innehatten. Wenngleich in den geschichtlichen Dokumenten seit dem 12. Jh. oft genannt, wurden sie eigentlich erst im 19. Jh. bekannt. So hat auch die Erforschung der baltischen Religion erst spät begonnen.
Geister und Götter
Als Agrarvölker kennzeichnet die B. eine besondere Verbundenheit mit der Natur, die als beseelt gilt. Die Naturerscheinungen manifestieren sich als lebende Wesen, woraus später eine reiche Mythologie entstand. Als Quellen für die baltische Mythologie dienen vor allem christliche Missionsberichte des Peter von Dusburg, des Hieronymus von Prag, die Malalas-Chronik, die Vita Ansgari u. a.
Hausgeister
In den Häusern der Menschen lebten viele Geister, die > Aitvaras, die in Tiergestalten (Hahn, schwarzer Kater, Drache im Wald) auftreten konnten. Wenn die Menschen sie gut behandelten, brachten sie Geschenke. Die Empfänger der guten Gaben mussten ihnen jedoch ihre Seele verschreiben. Wurden sie schlecht behandelt, konnten sie sogar ein Haus in Brand setzen.
Götter
Neben dem Haus ist für die baltischen Völker die Verbindung mit dem Himmel von besonderer Bedeutung. Dabei spielte der Himmelsgott, lett. Dievs (lit. Dievas, altpreuß. Deivas) eine bedeutende Rolle. Er lebte wie ein Großbauer und wohnte prächtig gekleidet im Himmel, wo er viele Besitzungen hatte. Auf seinem kräftigen Pferd ritt er um den großen Himmelsberg. Seine Söhne, die Dievadeli, halfen ihm beim Bebauen der Kornfelder. Dievs hielt seine schützende Hand über alle Hochzeiten, bei denen er stets den Brautführer machte. Zur Zeit der Aussaat und der Ernte ritt er auf seinem schnellen Pferd auf die Erde herab. Er schenkte den Menschen ein gutes Schicksal, wobei ihm die Schicksalsgöttin > Laima zur Seite stand. 
Seine Frau Saule, die Sonnengöttin, wohnte zwar in der Nachbarschaft ihres Mannes, zog aber nicht zu ihm in sein Haus, sondern bewahrte sich ihre Selbständigkeit. Wie Dievs ritt auch sie  von Zeit zu Zeit mit ihrem Pferd vom Himmelsberg auf die Erde, um die Felder der Bauern zu segnen. 
Eine untergeordnete Rolle spielte der Gott des Morgensterns, Auseklis. Als Freier warb er um die vielen Töchter der Sonnengöttin, wobei er in Konkurrenz zum Mond trat. Die Töchter Saules schlugen in den Badestuben die badenden Götter mit Birkenzweigen und schenkten ihnen damit Fruchtbarkeit und Kindersegen. Auseklis sorgte in den Badezimmern der Götter hingegen für das Verdampfen des Wassers auf den heißen Steinen, damit es den Göttern Kraft und Heilung spendete.
Die Todesgöttin Giltine trug ein weißes Kleid, trat unsichtbar in die Häuser ein und fragte nach den Kranken. Da sie jedoch keine Flüsse überqueren konnte, musste sie diese umgehen und brauchte daher länger, bis sie in die Häuser der Menschen kam, die sie fürchteten und teils mittels Riten versuchten, sie fernzuhalten.
Die Letten verehrten viele Schutzgötter des Hauses und des täglichen Lebens. Der Fruchtbarkeits- und Getreidegott Pilnitis schenkte den Bauern reiche Ernten. In den Getreidefeldern lebte auch der Fruchtbarkeitsgott Jumis, der das Korn wachsen und reifen ließ. Er zeigte sich den Menschen in einer zusammengewachsenen Kornähre, weshalb man bei der Ernte jeweils ein Kornbüschel stehen ließ oder in der Scheune aufbewahrte, um auch für das kommende Jahr eine gute Ernte zu sichern.
Wie schon erwähnt, bestimmte die Schicksalsgöttin Laima den Verlauf eines jeden Menschenlebens, während die schöne Göttin Laumē einen zwiespältigen Charakter hatte. Einerseits half sie den Armen und Waisenkindern, konnte dann aber aus einem Haus verschwinden und nicht wiederkehren. Wenn sie beleidigt wurde, brachte sie Unglück und Krankheit.
Der Mondgott Mēness freite die Sonnengöttin und schützte die Krieger. Nach den Litauern war der Mond mit der Sonne verheiratet und zeugte mit ihr die Erde. Dann aber trennten sie sich und traten fortan nicht mehr gemeinsam am Himmel auf.
Bei den Letten sprach  man ferner von sechzig göttlichen Müttern, von denen jede einen für das Leben wichtigen Bereich schützte, weshalb sie den Menschen auf ihren Wegen immer wieder begegneten.
Der Donnergott Perkunas bestimmte das Wetter und den Regen, führte die Krieger an und wachte über Recht und Ordnung.
Kult
Zur Verehrung der Götter und Göttinnen hatten die Balten viele Kultorte und heilige Haine, wo sie ein ewiges Feuer hüteten, denn im Feuer lebten die Feuergeister, die den Menschen Gesundheit, Kraft und Glück spendeten. Wenn eine  Braut in das Haus zog, musste sie die Feuergeister anrufen, damit sie in das neue Haus aufgenommen wurde. Das bedeutendste baltische Fest war direkt mit der Sonne und dem Sonnenkult verbunden. Es war die Zeit der Sommersonnenwende, die in späterer Zeit mit Johannes dem Täufer in Zusammenhang gebracht wurde.
Neben der Sonne und dem Feuer waren den Balten auch Bäume wie Eiche, Linde und Eberesche heilig. Die Eiche war dem Donnergott Perkunas geweiht. Unter ihrer Baumkrone wurden die Opferriten vollzogen.
Das Land der Toten
Starb ein Mensch, wurde seine Leiche unter rituellen Klageliedern verbrannt. Die Seelen der Toten lebten weiter, weshalb man Speisen, Waffen und Schmuck mit ins Grab legte. Ein Fürst erhielt 18 Kriegsrosse zugeteilt; auch seine Sklaven wurden mit ihm bestattet. Bei der Verbrennung der Leiche sahen die Priester, wie sich die Seele aus dem Feuer auf ein Pferd schwang und in das Land der > Ahnen ritt. Man verehrte die Verstorbenen und hatte nicht selten Angst, die Ahnen könnten sich für erlittenes Unrecht rächen. Besonders gefürchtet waren die Seelen von bösen Menschen und Verbrechern, die Vaidilas. Sie zogen nachts umher, überfielen die Schlafenden her und saugten ihnen das Blut aus den Adern. Die Seelen der übrigen Toten hießen Velis und konnten unsichtbar unter den Menschen weilen. Vor allem bei Geburten, Hochzeiten und Todesfällen waren sie in der Sippe anwesend.

Lit.: Fontes historiae religionum primitivarum, praeindogermanicarum, indogermanicarum minus notarum / coll. Carolus Clemen. Bonnae: Markus & Weber, 1936; Heiler, Friedrich: Die Religionen der Menschheit in Vergangenheit und Gegenwart. Stuttgart: Philipp Reclam jun., 21962; Euler, Wolfram: Die Balten, ihre Herkunft, Sprache und Kultur: [Vortrag, gehalten im September 1991 beim siebenten Prußentreffen in Bonn-Bad Godesberg]. Dieburg: Tolkemita, 1992; Mikhailov, Nikolai: Baltische und slawische Mythologie: ausgewählte Artikel. Madrid: Actas Ed, 1998; Grabner-Haider, Anton: Das Buch der Mythen aller Zeiten und Völker. Akt. Neuausg. Wiesbaden: Marix, 2005.

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 2