Bacon, Roger

Bacon, Roger (1214/1220–1292), Doctor Mirabilis, englischer Philosoph und Franziskaner. Von 1231–1240 studierte B. möglicherweise in Paris die Artes. Zwischen 1241 und 1247 hielt er dort Vorlesungen über verschiedene Werke des > Aristoteles und hörte selbst sicher auch Vorlesungen des > Albertus Magnus. Ab 1247 hielt sich B. in Oxford auf. 1257 trat er in den Franziskanerorden ein, der ihm das Leben nicht leicht machte, vielleicht wegen seiner ziemlich scharfen Zunge und seines Kontaktes, unter Umgehung des Dienstweges, mit dem ihm befreundeten Papst Clemens IV. (1264–1268), der ihn 1266 ermunterte, seine Lehre, ungeachtet der Restriktionen, die ihm der Orden auferlegte, aufzuzeichnen. So arbeitete er zwischen 1266 und 1268 am Opus maius, Opus minus und Opus tertium . Zwischen 1277 und 1289 wurde er wegen Häresieverdachts vom Franziskanergeneral Hieronymus von Ascoli in Klosterhaft genommen, wahrscheinlich wegen seiner astrologischen Ansichten hinsichtlich der Zukunft, seiner herben Kritik der Wissenschaft von Ordens- und Zeitgenossen sowie wegen seiner Aussagen zur Apokalypse, die es seinen Gegnern erlaubte, ihn mit radikalen Randgruppen des Ordens in Verbindung zu bringen. Die Haft war jedoch milde, denn er konnte weiterhin seinen Studien nachgehen. So fasste er 1292, kurz vor seinem Tod, seine Hauptthesen in Compendium Studii Theologiae nochmals zusammen.
Philosophisch ist B. Aristoteliker mit deutlichen Anklängen zum > Neuplatonismus hin, kulturhistorisch ist er ein vielseitig talentierter Visionär. In seiner Epistola de secretis operibus Artis et naturae macht er eine Reihe erstaunlicher Voraussagen:
„Zuerst will ich Dir von den wunderbaren Werken der Kunst und der Natur erzählen; dann werde ich Dir ihre Ursachen und ihre Form beschreiben. Dies hat nichts mit Magie zu tun, denn die Magie steht weit unter solchen Dingen und ist ihrer nicht würdig. So können z. B. Wasserfahrzeuge hergestellt werden, riesige Schiffe für Flüsse und Meere. Sie bewegen sich ohne Ruder, und ein einziger Mann kann sie besser lenken, als wenn sie voll bemannt wären. – Dann gibt es auch Wagen, die sich ohne Pferde und mit ungeheurer Geschwindigkeit bewegen... Auch Flugmaschinen können gebaut werden. Ein Mann sitzt in der Mitte und bedient etwas, das die künstlichen Flügel der Maschine wie bei den Vögeln flattern lässt... – Man kann auch ein kleines Gerät zum Herablassen schwerer Lasten machen, das in Notfällen höchst nützlich ist... Ferner kann man eine Maschine bauen für Unterwasserfahrten auf Flüssen und Meeren.“
Wenngleich er die Technik höher schätzte, zweifelte er nicht an der > Magie. Die natürliche Magie, die auf das Gute abzielt, ist erlaubt; dagegen sind die schwarzen Künste, die dem Bösen dienen abzulehnen.
Sein großes Interesse galt neben den technischen Möglichkeiten jedoch der > Alchemie, wie aus seinen Büchern Opus maius und Opus tertium hervorgeht. Er unterscheidet zwischen spekulativer und operativer Alchemie. Die spekulative Alchemie beschreibt die Entstehung aller Körper aus den > Elementen und bildet so die Grundlage der Medizin und Naturphilosophie. Die operative Alchemie behandelt die Herstellung von Farben, wertvollen Metallen und Ähnlichem. Sein alchemistisches Hauptinteresse galt jedoch der Verlängerung des Lebens, eine Vorstellung, die die chinesische Alchemie beherrschte, im Abendland jedoch erstmals durch B. erörtert wurde. Mit einer Mischung von Blättern, Holzstücken, Blüten, zubereiteten Schlangen und einem Knochen, der im Herzen eines Hirsches wächst, könne ein ausgezeichnetes Heilmittel gegen das Altern erstellt werden.
Schließlich beruhe alles menschliche Wissen auf Mathematik, deren vornehmster Zweig die > Astrologie sei. Bei der Geburt eines Menschen bestimmen die Himmelskörper seinen physischen Charakter und dessen Veränderungen, ohne aber das menschliche Leben zu bestimmen. Medizin, Alchemie und Zukunftsdeutung sollten sich ihrer bedienen.
Auch das gesprochene Wort hat nach B. eine große Macht, geschahen doch alle großen Wunder am Anfang der Welt durch das Wort.
Als Ganzes betrachtet ist B.s Lehre ein wagemutiger Versuch, Wissen, Weisheit und Glauben zu einer Einheit zusammenzuführen. Die Kirche solle daher in ihrem Kampf gegen den Unglauben und die Widersacher wissenschaftliche Erkenntnisse einsetzen, besonders auch angesichts der künftigen Gefahren in Zeiten des > Antichristen.

W.: Send-Schreiben von geheimen Würckungen der Kunst und der Natur, und von der Nichtigkeit der falschen Magiae. 1732.
Lit.: Opus tertium. Opus minus. Compendium philosophiae / ed. by J. S. Brewer. London: Longman, Geen, Longman, and Roberts, 1859; Bacon, Roger: Compendium of the Study of Theology. Ed. and transl. with introd. and notes by Thomas S. Maloney. Leiden [u. a.]: Brill, 1988; Bacon, Roger: The Mirror of Alchimy: Composed by the Thrice-Famous and Learned Fryer / ed. by Stanton J. Linden. New York [u. a.]: Garland, 1992; Bacon, Roger: The opus majus of Roger Bacon / transl. by Robert Belle Burke. [Reprint from the 1928 ed.]. Bristol [u. a.]: Thoemmes Press, 2000.

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 2