Azteken

Azteken, benannt in der Sprache Nahuatl nach dem mythischen Ursprungsort Aztlán (Silberreiherland) oder aber nach Aztatl (Reiher) und Tlacatl (Mensch), „Volk der Reiher“, bzw. auf mexikanisch, der Sprache von Mexiko, nach einem Beinamen, der dem Stamm der Mexica oder Chichimeca Mextin (daher Mexiko und Mexikaner) gegeben wurde.
Land und Sprache
Die A. sind eine Abzweigung der Nahuatl-Sprachgruppe, die von einem Ort namens Aztlán kamen (890–1100 n. Chr.). Sie wanderten ungefähr 130 Jahre, um einen besseren Platz zum Leben zu finden. Den Weg zeigte ihnen dabei ihr wichtigster Gott, Huitzilopochtli. Der Stamm stieß auf eine kleine Insel in der Mitte eines Sees, wo ein > Adler eine Schlange fraß. Dies wurde von Huitzilopochtli als Zeichen dafür gedeutet, sich dort niederzulassen. Daher befindet sich heute in der Mitte der mexikanischen Flagge ein Adler, der eine Schlange frisst.
Die A. waren Krieger, stets in Kämpfe mit den Stämmen in der Nähe des Texcoco-Sees verwickelt, um Sklaven zu bekommen. Zu den Stämmen, die dort lebten, gehörten die Texcocanos und die Xochimilcas.
Die Hauptstadt der Azteken war Tenochtitlan (das heutige Mexico-Stadt). Der Zeitpunkt der Gründung ist ungenau, er schwankt zwischen 1325 und 1370. Es war eine Doppelstadt. Die Leute lebten im Süden und das Zentrum war der kulturelle und religiöse Teil (Templo Mayor). Der Templo Mayor galt als das Zentrum des Aztekenreiches überhaupt. Als die Spanier kamen, waren sie erstaunt über die Größe der Stadt und den riesigen Goldbesitz. 1521 zerstörten sie das Reich der Azteken.
Kultur
Neben den wirtschaftlichen Tätigkeiten und Fertigkeiten verfügten die A. über eine vielfältige Kultur und ein entsprechendes Gesundheitswesen. So sagte der Zerstörer des Aztekenreiches, Hernando Cortez, in Bewertung ihrer Medizin, dass die spanischen Ärzte getrost zu Hause bleiben könnten. Die aztekischen Ärzte waren in Fachrichtungen spezialisiert: Chirurgen, Zahnärzte, Augenärzte, Aderlasser und Darmspezialisten. Ebenso gab es Hebammen und Arzneimittelhersteller.
Die A. benutzten einen Kalender mit einer Jahreszählung von 365 Tagen. Die Astronomie besaß einen starken astrologischen und von Kulthandlungen geprägten Einschlag.
Religion
Das gesamte Leben war im Innersten von einer breitgefächerten Religiosität getragen, was besonders in der großen Anzahl der Götter zum Ausdruck kommt.
Götter
Die Götter wurden bildlich und in anthropomorpher Gestalt dargestellt. Sie konnten sich auch in Naturerscheinungen manifestieren und durchdrangen alle Bereiche der Welt.
Als erste Schöpferkraft tritt der androgyne Gott Ameteotl (= Zweigott) auf, in seinen männlichen Aspekten mit > Feuer und > Sonne assoziiert, in den weiblichen Aspekten mit > Erde und > Fruchtbarkeit. Aus ihrer Verbindung entstanden Tezcatlipoca, Quetzalcoatl, Xiuhtecuhtli und Tlaloc, die das Schöpfungswerk fortführten.
Der wichtigste Gott aber war, wie erwähnt, der Kriegsgott Huitzilopochtli, der die A. aus ihrer mythischen und namengebenden Urhei­mat Aztlán nach Tenochtit­lan geleitet hatte. Coatlicue war die Mutter aller A., Tlaloc der Regengott. Hinzu kamen noch die Göttin des Ackerbaus, die Göttin der im Kindbett gestorbenen Mütter, die Wassergöttin, die Göttin des Herdes, die Herrscherin der Erde, der Finsternis, des Todes und der Fruchtbarkeit, die Mondgöttin, der Windgott, der Feuergott, der Mondgott, der Gott der Heilkunst, die Göttin der Liebe.
Eine eigenartige Gestalt unter den Göttern war Quetzalcoatl (die grüne gefiederte Schlange), auch Herr der Winde, der Medizin und der Künste. Er verabscheute nämlich die blutigen Menschenopfer der Azteken. Als er später als vergöttlichter Kultheros die toltekische Stadt Tula verlassen musste, soll er auf dem Weg nach Osten dem Volk der > Maya Religion und Kultur beigebracht haben. Jedenfalls trägt der Mayagott Kukulkan, dessen Name ebenfalls „Federschlange“ bedeutet und der von den Maya als Gesetzgeber und Begründer des Kalenders verehrt wurde, sehr verwandte Züge. Bei den A. herrschte der Glaube vor, dass Quetzalcoatl einst aus dem Osten zurückkehren werde.
Jenseitsglaube
Neben den vielen Göttern war das Leben der A. auch von einem Jenseitsglauben geprägt. Es gab drei verschiedene > Totenreiche. Im himmlischen Reich, Tonatiuh, befanden sich Fürsten, Vornehme, gefallene und geopferte Krieger sowie die im Kindbett gestorbenen Frauen. Diese Frauen begleiteten die Sonne auf der zweiten Hälfte ihres Weges und spukten nachts an den Kreuzwegen. Die Krieger begleiteten die Sonne hingegen bis zur Mitte des Tages, schwirrten dann als Kolibris und Schmetterlinge um Blumen und Blüten auf Erden und schwebten nachts als Sterne am Himmel. Ertrunkene, vom Blitzschlag Getroffene, Aussätzige, Geschlechtskranke, an Fieber Verstorbene usw. gingen in das irdische Paradies, Tlalocan  (Ort des Regengottes Tlaloc), ein, wo angeblich alles grünte und blühte. Die große Masse kam in die Unterwelt, Mictlan, in das Reich des Totengottes, das dem griechischen > Hades glich. Bei der Bestattungsfeier pflegte man einen Hund zu opfern, der den Toten über den Strom begleiten sollte, welcher die Lebenden vom Totenreich trennte. Die Reise in dieses karge > Jenseits, aus dem es kein Entrinnen gab, dauerte oft Jahre.
Rituale
Den Göttern wurde in zahlreichen kalendarischen Ritualen kultische Verehrung zuteil.
Die an Tempeln durchge­führten Rituale waren sorgfältig inszeniert und wurden von Priesterschaften (teopixque) geleitet. Ihnen ob­lag die Verkörperung der Gottheiten und die Zuständigkeit für die zu Menschenopfern auser­sehenen kriegsgefangenen Sklaven. Diese ge­nossen das Jahr hindurch bevorzugte Behand­lung, da ihr Tod das mythische Selbstopfer der Götter darstellte. Das Menschenopfer der Sklaven selbst  konnte durch Aufschneiden der Brust, Tötung durch Pfeile und zeremoniellen Zweikampf durchgeführt werden. Das noch schlagende Herz des Geopferten wurde den Gottheiten in einem Gefäß zur Spei­se dargeboten, die  geschundene Haut und der Schädel wurden auf einem Gerüst aufbewahrt. Weit verbreitet wa­ren auch Formen des Selbstopfers, bei denen z. B. Ohrläppchen und andere Körperteile mit Agaven­stacheln durchbohrt wurden. Das Opfern kleiner Kinder beschränkte sich fast nur auf den Regengott Tlaloc und andere Regengötter.
Die Priester, welche die Riten vollzogen, lebten in der Nähe der Heiligtümer. Die ranghöchsten waren der Oberpriester des Huitzilopochtli und des Tlaloc. Beide Priester trugen den Titel Quetzalcoatl. Sie betreuten auch die hochentwickelte Kalenderwissenschaft und das Orakelwesen.
Neben den kalendarischen Ritualen spielten Übergangsriten des Lebenszyklus und der Kriegsführung sowie das häusliche Ritual eine wichtige Rolle.
Der Präriewolf
Eine Ausnahmeerscheinung in der aztekischen Religion bildete der im 15. Jh. (1418–1472) herrschende Fürst von Tezcocco, Netzalhualcoyotl („der fastende Präriewolf“), dem sein christlicher Urenkel, Don Fernando Alva de Ixtilxochitl ein literarisches Denkmal setzte, weil er sich – gleich dem ägyptischen König > Echnaton – gegen den Polytheismus und die blutigen Opferriten einsetzte.

Lit.: Heitler, Friedrich: Die Religionen der Menschheit in Vergangenheit und Gegenwart. Stuttgart: Philipp Reclam jun., 21962; Disselhoff, Hans Dietrich: Geschichte der altamerikanischen Kulturen. Wiesbaden: Löwit, 1979; Altamerikanistik: eine Einführung in die Hochkulturen Mittel- und Südamerikas / hrsg. von Ulrich Köhler. Berlin: Reimer, 1990; Eliade, Mircea: Geschichte der religiösen Ideen. III / 2. Vom Zeitalter der Entdeckungen bis zur Gegenwart. Freiburg i. Br.: Herder, 1991; Fagan, Brian M. (Hg.): Die siebzig großen Geheimnisse der alten Kulturen. Frankfurt a. M.: Zweitausendeins, 2001; Prem, Hanns J.: Die Azteken: Geschichte – Kultur – Religion. München: Beck, 2003; Inka, Maya und Azteken / Peter Ackroyd. Starnberg: Dorling Kindersley, 2005.

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 1