Avicenna

Avicenna, latinisierte Form des arabischen Namens Abu Ali al-Husain ibn’Abdallah ibn Sina, geb. um 980 bei Buchara (Usbekistan), gest. 1037 in Hamadan (Iran). Von der Familie her gehörte er zum ismailitisch-schiitischen Islam. Er war als Wunderknabe von früher reifer Begabung und studierte neben der Medizin die philosophischen Wissenschaften nach ihrer Anordnung in der aristotelischen Tradition (Logik, Mathematik, Physik und Metaphysik); mit etwa 17 Jahren trat er als Arzt in die Dienste des Samanidenherrschers Nuh-Ibn-Mansur. Der Doppelberuf als Arzt und Verwaltungsbeamter, den er an verschiedenen Höfen iranischer Fürsten ausübte, ist für sein späteres Leben kennzeichnend. Hohe Ehren und Erfolge lösten Flucht und Einkerkerungen ab. So wurde er von Sultan Magdal Doulez zum Großwesir ernannt, fiel jedoch in Ungnade und starb im Alter von 56 Jahren.
A. ist nicht nur einer der wichtigsten griechischer Tradition verpflichteten islamischen Philosophen des Mittelalters, sondern gilt zusammen mit seiner führenden Tätigkeit auf dem Gebiet der Heilkunst als der eigentliche Vermittler griechischen Denkens an den Orient. Sein System ist ein Aristotelismus mit neuplatonischem Einfluss. Sein Buch Quanum (lat. Canon), eine im Wesentlichen auf > Galen beruhende Zusammenfassung klassischer Medizin, wurde zur Bibel der Medizin des Mittelalters und der Renaissance, jedoch heftig bekämpft von > Paracelsus.
Das maßgeblichste Werk für den Einfluss von A. auf das Mittelalter ist seine 18 Bände umfassende philosophische Summa Kitab-aš-Šifa (Buch der Heilung), das die philosophischen Wissenschaften nach der aristotelischen Tradition behandelt. Es bildet eine Synthese, die alle Teile der Philosophie, einschließlich bestimmter Naturwissenschaften, umfasst (Avicennismus).
Gott fasst A. als reinen Intellekt auf, aus dem alle Existenzen emanieren. Der menschliche Geist erwirbt sich wahrhaftes Wissen durch Erfassen der intelligenten Dinge, die in den himmlischen Intelligenzen enthalten sind. Dies wird ihm durch den aktiven Intellekt, die letzten aus Gott emanierenden himmlischen Intelligenzen, vermittelt. Um mit diesem aktiven Intellekt in Verbindung zu treten, bedarf es eines geistigen Vermögens, das nicht alle Menschen in gleicher Weise besitzen. An oberster Stelle steht der Prophet, der ständig über die Verbindung mit dem aktiven Intellekt verfügt.
Im Bereich des Paranormalen betrachtete A. räumliches Hellsehen sowohl im Wach- als auch im Schlafzustand für erwiesen. Zudem vertrat er die Auffassung, dass die > Einbildungskraft (imaginatio) heilen wie schaden könne, und die > Fernwirkung (actio in distans) ein natürliches Vermögen sei. Die > Alchemie hingegen lehnte er ab, wenngleich ihm alchemistische Werke zugeschrieben wurden, wie etwa der Traktat De anima in alchimiae und die Porta Elementarum. Gerüchten zufolge dienten nämlich A. die Elementargeister > Dschinn, außerdem seien ihm machtvolle Zauber- und Beschwörungsformeln bekannt gewesen.
Sicher ist, dass sein Denken wegbereitend für eine mystisch-theosophische Richtung war, die jahrhundertlang die Geistesgeschichte des Iran wesentlich bestimmte.

W.: As-safsata / Tasdir wa-muragaat Ibrahim Madkur. Tahqiq Ahmad Fu'ad al-Ahwani. [Nachdr. d. Ausg. Kairo, 1952–80]. Qum: Maktabat Ayatallah al-Uzma al-Marasi an-Nagafi, 1984; Avicenna: Kanon vracebnoj nauki: izbrannye razdely / Abu Ali Ibn Sina. Sost.: U. I. Karimov. Taskent: Izdat. Fan Uzbek. SSR, 1985; Avicenna: Il poema della medicina. Introduzione, versione dall'arabo, note e lessici a cura di Andrea Borruso. Torino: S. Zamorani, 1996; Avicenna: Die Metaphysik Avicennas: enthaltend die Metaphysik, Theologie, Kosmologie und Ethik / übers. und erl. von Max Horten. Reprint of the ed. Halle, a. S. [u. .]. Frankfurt a. M.: Inst. for the History of Arab.-Islam. Science at the Johann-Wolfgang-Goethe-Univ., 1999.

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 1