Avalon

Avalon, auch Avillion oder Insula Avallonis (kelt.), sagenhaftes Paradies aus der keltischen Mythologie, über das vor allem in der Literatur um den legendären König > Artus berichtet wird. Aus der walisischen Mythologie ist A. bekannt als „Ynys yr Afallon“, die „Apfelinsel“. Möglicherweise besteht auch ein Zusammenhang zwischen dem Namen A. und Avalloc bzw. Avallo oder Afallach, dem keltischen König der Toten (Shepard). Die Ähnlichkeit zwischen A. und dem irischen Elysium ist offensichtlich (Gray, 194).
Galfred bzw. Geoffrey von Monmouth berichtet in seinem Werk Vita Merlini, wie der Zauberer Merlin gemeinsam mit seinen Kollegen unter der Leitung von Berinthus König Artus nach A., auf die geheimnisvolle Apfelinsel (lat. insula pomorum) bringt, die auch die „glückliche“ genannt wird (lat. quae fortunata vocatur) und auf der alle Pflanzen und Früchte ohne menschliches Zutun blühen und gedeihen. Auf der Insel regieren dreimal drei Schwestern, > Feen, von denen > Morgan die Kunst zu fliegen, der Verwandlung, die Kräuterkunde, die Heilkunst, die magische Zahlenkunst und die Kunst der Weissagung beherrscht. In Letztere hat sie auch ihre jüngeren Schwestern eingeweiht. So gilt A. nicht zuletzt als ein Land der Frauen, wo es keine harte Arbeit gibt und in dem alles in Hülle und Fülle vorhanden ist. Es existieren dort weder Krankheit noch Tod, und für alle, die Artus hier besuchen, ist A. ein Ort des reinen Vergnügens, heißt es im 12. Jh. bei Geoffrey von Monmouth.
Nach einer anderen Beschreibung fehlt es in A. an nichts Gutem, und die Insel bleibt unsichtbar für alle Feinde. Es herrschen dort Frieden, Eintracht und ewiger Frühling, und ihre Bewohner sind jugendlich. Es gibt kein Alter und keine Trauer, alles ist eingehüllt in Glückseligkeit (Gray, 193f.; Rhys, 355).
Häufig wird A., zuerst 1191 von Giraldus Cambrensis, mit > Glastonbury identifiziert, das wie eine Insel von Marschland umgeben ist (Gray, 194f.; Faral). Es gibt historische Berichte von ähnlichen Inseln, die von neun Frauen, Priesterinnen und ihren weiblichen Anhängerinnen, regiert worden seien, so etwa die Ile de Sein und Lundy Island im Bristolkanal. Männern war der Zutritt nicht möglich (Lück, 175).
In der keltischen Religion galt A. als das Land der ewigen Jugend, das man auch durch „inneres Reisen“, durch Entrückung, erreichen konnte (Bertholet). In diesem Licht schimmert A. auch heute noch (Bolen).

Lit.: Rhys, Sir J.: Studies in the Arthurian Legend. Oxford, 1891; Faral, E.: La légende arthurienne. Études et documents. 3 Bde. (Bibl. Éc. Htes. Etudes, fasc. 255–57), 1929; Gray, Louis Herbert / Moore, George Foot (Eds.): The Mythology of All Races. In thirteen volumes. New York, 1964. Vol. 3 Celtic, by John Arnott Macculloch, and Slavic, by Jan Máchal; Geoffrey von Monmouth: Historia Regum Britanniae, ed. E. Farai, 1929, ed. A. Griscom, 1929, ed. J. Hammer, 1951, ed. N. Wright, 1985, engl. Übers. L. Thorpe, 1966; Geoffrey von Monmouth: Vita Merlini, ed. B. Clarke, 1973; Bertholet, Alfred: Wörterbuch der Religionen. 4. Aufl./neu bearb., erg. u. hg. v. Kurt Goldammer. Stuttgart: Kröner, 1985; Shepard, Leslie A. (Ed.): Encyclopedia of Occultism & Parapsychology. In Two Volumes. Detroit: Gale Research Inc., ³1991; Bolen, Jean Shinoda: Crossing to Avalon: A Woman’s Midlife Pilgrimage. New York: Harper Collins, 1994; Bautier, Robert-Henri: Lexikon des Mittelalters. Bd. 1–6. München; Zürich: Artemis, 1980ff.; Bd. 7–9, München: LexMA, 1995ff.; Registerbd. Weimar, Stuttgart: J. B. Metzler, 1999; Lück, Marita: Im Zauberkreis der Feen. Die keltischen Kinder der Natur. Zürich; Düsseldorf: Walter, 1997.

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 1