Aura

Aura (griech. aura, Hauch, Luftzug, Wind, auch frische Morgenluft sowie günstiger Fahrwind), bereits in der Antike gebräuchlicher Begriff für die in der Kunst verkörperten milden Lüfte in weiblicher Gestalt. Empedokles nannte sie die vom Licht ausgeströmte Substanz. Schon alt und in vielen Kulturen verbreitet ist auch der Glaube an eine feinstoffliche, farbenschimmernde, individuelle Substanz, eine A., die alle Lebewesen umgibt, vgl. das ägyptische > Ka, das chinesische > Ki und das indische > Prana. Die A. wird auch mit dem > Heiligenschein in Beziehung gesetzt. Demnach zeigt dieser die Reinheit der A. der Heiligen an. So gab es im christlichen MA die Vorstellung einer um den Kopfbereich strahlenden A., > Nimbus und > Halo, einer den Körper umgebenden A., > Aureole, und einer beides umfassenden A., > Glorie.
Allseits bekannt ist die Tatsache, dass der Körper eines Lebewesens Wärme ausstrahlt. Darüber hinaus gilt diese Ausstrahlung als > Exteriorisation einer psychischen Energie. Nach der hinduistischen Philosophie strahlen die > Chakren, d. h. die Energiezentren des Menschen, Energie in Form einer sichtbar werdenden A. ab. Wilhelm H. C. > Tenhaeff hat die Idee einer „symbolischen Vision“, wonach die Farben einer A. den Charakter des betreffenden Menschen symbolisieren und quasi stellvertretend für seine Eigenschaften farblich wahrgenommen werden können. Auch Gebhard > Frei sagt, dass diese Ausstrahlung der Körper in Farbe und Form mit einem bestimmten Seelenzustand korreliert. Gerda > Walther sieht ebenfalls eine enge Verbindung zwischen dem Menschen und seiner A., die sich immer um den Menschen herum, zu dem sie „gehört“, zu befinden scheint. > Sensitive können die A. eines Wesens sehen, nach Walther auch bei völliger Dunkelheit, und sie beschreibt ihre eigene Erfahrung: „Ebenso habe ich bei telepathischen Erlebnissen nachts im Dunkeln im Bett liegend die Aura in Verbindung mit telepathischen Erlebnissen ebenso deutlich und „leibhaftig“ gespürt, wie wenn diese Menschen räumlich anwesend waren“ (Walther, 68ff.). Häufig wird nach Baron > Reichenbach auch eine von den Fingerspitzen ausgehende Ausstrahlung wahrgenommen. Sensitive deuten eine grellrote A. als Zeichen für Ärger, eine gelbe für einen ausgeprägten Intellekt, während Purpurrot Spiritualität bedeutet (Drury). In der Theosophie werden fünf Arten der A. unterschieden: Gesundheits-, Lebens- und Charakteraura sowie eine karmische und eine geistige A.
Die A. wird auch mit dem > Ätherleib und dem > Astralleib verglichen oder gleichgesetzt bzw. verwechselt und gerät damit in den Bedeutungszusammenhang von > Außerkörperlichen Erfahrungen. Nach der > Kabbala stellt die A. einen Teil des Astralkörpers, genannt Ruach, dar.
Nach der hellsichtigen Dora > Kunz können Emotionen visuell wahrgenommen werden als “luminous atmosphere”, die jeden lebenden Körper umgibt, und sie selbst konnte sie als Farben sehen (Kunz 1991).
Die A. wird schließlich auch mit dem proximalen elektrischen Medium (Dumitrescu) und der Hautelektrizität in Verbindung gebracht. So bezeichnet der Begriff A. nach Beloff auch Feldkräfte, die einen elektromagnetischen Körper umgeben (Lex. Psych. I). Der Arzt Sauerbruch konnte offenbar ein elektrisches Feld in der A. eines Menschen nachweisen (Miers). Am wichtigsten für die experimentelle Forschung dürfte jedoch die am St. Thomas Hospital in London vorgenommene Arbeit von Walter J. > Kilner (1847–1920) sein, mit der es ihm gelang, drei Stufen der A. nachzuweisen: das > ätherische Doppel, die innere A. und die äußere A. Kilner zeigte auch auf, dass die Intensität der A. von einem Magnet beeinflusst werden kann und auf elektrischen Strom reagiert bis hin zum vollständigen Verschwinden. James Rhodes > Buchanan behauptete 1852 die Existenz einer Nervenaura, die als Vorstufe von > Materialisation und > Psychokinese zu erwägen wäre (Bonin). Mit zunehmendem Alter bilde sich die A. dann allmählich zurück (Fodor).
Ferner versteht man unter dem Begriff A. bestimmte Empfindungen, die einem epileptischen, hysterischen oder asthmatischen Anfall vorausgehen, wie Zorn, Ärger oder spastische Muskelbewegungen (Zahlner).
Weiters kennt die Tierpsychologie noch eine Nestaura, die sich auf den gemeinsamen Geruch bezieht, der wohl zur Wiedererkennung dient.
Nichts zu tun mit der A. eines Wesens hat die Auraskopie, eine nach ihrer Entdeckerin Hannelore Auras-Blank benannte Methode holistischer Blutdiagnostik. > Od, > Kirlian-Effekt, > Kirlian-Fotografie.

Lit.: Kilner, Walter J.: The Human Atmosphere. London, 1911; Walther, Gerda: Phänomenologie der Mystik. Olten: Walter, 1955; Fodor, Nandor: Encyclopaedia of Psychic Science, U.S.: University Books Inc., 1966; Zahlner, Ferdinand: Kleines - Lexikon der Paranormologie. Hg. v. A. Resch. Abensberg: Josef Kral, 1972; Bonin, Werner F.: Lexikon der Parapsychologie und ihrer Grenzgebiete. Frankfurt a. M.: Fischer, 1981; Dumitrescu, Ioan Florin: Elektronographie: elektrographische Methoden in der Biologie / A. Lerner [Hrsg.]. Verlag f. Medizin Dr. Ewald Fischer, 1983; Frei, Gebhard: Probleme der Parapsychologie. Innsbruck: Resch, 1985 (Imago Mundi; 2); Drury, Nevill: Lexikon des esoterischen Wissens. München: Droemer Knaur, 1988; Guiley, Rosemary Ellen: Harper’s Encyclopedia of Mystical & Paranormal Experience. San Francisco: Harper, 1991; Kunz, Dora: The Personal Aura: The Emotional Field. Quest Books, 1991; Shepard, Leslie A. (Ed.): Encyclopedia of Occultism & Parapsychology. In Two Volumes. Detroit: Gale Research Inc., ³1991.

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 1