Augensegen

Augensegen, Segnung der Augen zur Heilung von Augenleiden, wie Entzündungen, Flecken auf der Hornhaut oder Fremdkörpern im Auge, aber auch von schwacher Sehkraft oder Blindheit. Eine der ältesten Formen dieses Segens findet sich in den freien Randbereichen (Marginalien) der Handschrift CCCC MS.41 auf S. 182. Das Manuskript beinhaltet eine altenglische Abschrift von Bedas Venerabilis (673–735), Historia ecclesiastica gentis anglorum, und wird auf die Mitte des 11. Jhs. datiert:

Wið sarum eagum
Gegen Augenschmerzen:

Domine sancte pater omnipotens æterne deus
Heiliger Herr, allmächtiger Vater, ewiger Gott.

sana occulos hominis istuis .N.
Heile die Augen dieses Menschen N.,

sicut sanasti occulos filii tobi et multorum
so wie du die Augen des Sohnes von Tobiel und vieler

cecorum [quos domine tu es oculos cecorum] manus aridorum pes claudorum sanitas
[anderer] Blinder [heiltest] [Herr, du bist das Auge der Blinden,] die Hände der Armen, die Füsse der Hinkenden, das Wohl

egrorum resurrectio mortuorum felicitas
der Kranken, die Auferstehung der Toten, die Freude

martirum et omnium sanctorum oro domine ut
der Märtyrer und aller Heiligen. Ich bete, Herr, dass

erigas & inluminas occulos famuli tui .N.
du erhebst und erleuchtest die Augen deines Dieners N.

in quacunque ualitudine constratum medelis
In welcher Verfassung er auch sei, mit himmlischen Heilmitteln

celestibus sanare digneris tribue famulo tuo .N.
erachte ihn würdig, geheilt zu werden; gewähre deinem Diener N.

ut armis iustitie muniatur diabolo resistat et
dass, versehen mit den Waffen der Gerechtigkeit, er dem Teufel widerstehen mag und

regnum consequatur æternum .per.
er die ewige Herrlichkeit erlangt. Durch [den Herrn] (MS.41, S. 182)

Aus dem 12. Jh. stammt die christliche lateinische Aufzeichnung des Theclasegens. Der epische Text ist eine Umformung des alten marcellinischen > Dreijungfernspruches mit eingesetzten Heiligen und mit Gespräch statt Handlungen. Der berühmteste Name ist dabei Thecla, die Begleiterin des Apostels Paulus, die sehr früh als Augenpatronin verehrt wurde.
Die heute weithin verehrte Patronin der Augenleidenden und Blinden ist die hl. Odilia (Ottilia, 660–720), die blind geboren und bei der Taufe durch Bischof Erhard sehend wurde. Die Wallfahrten zu ihrem Heiligtum von Odilienberg im Elsass halten unvermindert an. Die sonntägliche Andacht in der Kapelle mit anschließendem Augensegen wird vom Dreifaltigkeitssonntag (1. Sonntag nach Pfingsten) bis zum 3. Oktobersonntag) gehalten.
Mit dem Kreuz, das die Reliquie der heiligen Odilia enthält, wird der Augensegen erteilt. Der Priester legt das Kreuz zuerst auf die Stirn des Bittenden und spricht folgendes Gebet:
„Auf die Fürbitte der heiligen Ottilia bewahre dich der Herr vor Augenleiden und vor allem Bösen. Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen."
Dann wird die Reliquie dem Bittenden zum Kuss hingehalten.

Lit.: Cockayne, Thomas Oswald: Leechdoms, Wortcunning, and Starcraft of Early England. Being a collection of documents, for the most part never before printed, illustrating the history of science in this country before the Norman Conquest. Collected and edited by the Rev. Oswald Cockayne. Anglo-Saxon & Eng. 3 vol. London: Longman & Co., 1864–66, S. 387; Weinhold, Karl: Ein hochdeutscher Augensegen in einer Cambridger Handschrift des 12. Jahrhunderts. In: Zeitschrift des Vereins für Volkskunde 11 (1901), 79–82, hier 79 (mit Abdruck); Stöckle, Maria: Das Leben der hl. Odilia: Geschichtsquelle – Sage/Entwicklungsmärchen – hagiographisches Bild? St. Ottilien: EOS-Verl, 1991; Jünemann, Joachim: Die Kapellen der Heiligen Odilia: im Kraftfeld der Geomantie. Dransfeld: Selbstverl. d. Verf, 1992.

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 1