Athenodoros von Tarsos

Athenodoros von Tarsos, Sohn des Sandon, griechischer, stoischer Philosoph aus dem 1. vorchristlichen Jh. > Plinius d. J. berichtet in einem Brief an Lucius Licinius Sura von einem klassischen Spukfall, in den A. verwickelt gewesen sei. Demnach sei A., der ein Freund und Lehrer des Kaisers Augustus war, in ein schon länger leer stehendes, berüchtigtes Spukhaus in Athen eingezogen. Plinius beschreibt die dem unheilvollen Haus nachgesagten Vorgänge: „In der Stille der Nacht hörte man Klirren von Eisen, Rasseln von Ketten, anfangs in der Ferne, dann in der Nähe; bald erschien ein Gespenst, eine hagere und hässlich abgezehrte Gestalt eines Greises mit langem Barte und struppigem Haar, die an Händen und Füßen Fesseln und Ketten trug und schüttelte. Die Bewohner durchwachten vor Angst traurige und schreckliche Nächte; auf das Wachen folgte Krankheit und, als die Angst immer stärker wurde, der Tod“ (Plinius, 7. Buch, Brief Nr. 27).
A. wollte nun diesem Spuk auf den Grund gehen und wachte die Nacht hindurch. Tatsächlich erschien der in Ketten gelegte Geist und forderte ihn auf, ihm zu folgen, was A. auch tat. Plinius schildert die weiteren Ereignisse: „Als sie [die Geistgestalt] in den Vorhof des Hauses gekommen war, verschwand sie plötzlich und ließ ihren Begleiter [A.] zurück, der Gras und Blätter abpflückte, um damit die Stelle zu bezeichnen. Am Tage darauf geht er zu den Behörden und verlangt, dass der Ort aufgegraben werde. Man findet Gebeine, die mit Ketten umschlungen und von dem durch die Länge der Zeit und in der Erde verwesten Körper nackt und zerfressen in den Ketten geblieben waren; man sammelt und bestattet sie auf Staatskosten. Von jetzt an erschienen in diesem Haus die gebührend bestatteten Geister nicht mehr.” (Plinius, 7. Buch, Brief Nr. 27).

Lit.: Plinius der Jüngere: Briefe. Übers. v. O. Güthling. Leipzig: Reclam 1930; Bonin, Werner F.: Lexikon der Parapsychologie und ihrer Grenzgebiete. Frankfurt a. M.: Fischer, 1981; Guiley, Rosemary: The Encyclopedia of Ghosts and Spirits. New York: Facts On File, 1992.

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 1