Astralleib

Astralleib oder Astralkörper, engl. astralbody oder astraldouble, wörtl. „Sternenleib“, feinstofflicher, mit dem physischen Körper verbundener Körper, entspricht dem Namen nach dem > siderischen Leib des > Paracelsus, der ebenfalls „Sternenleib“ bedeutet. Der A. wurde und wird in der Literatur oft undifferenziert auch > Ätherleib genannt, so etwa bei > Du Prel. Daraus folgt eine weitere Ungenauigkeit bzw. Synonymität bei Begriffen wie > Äther, > Äther-Region, > Astralwelt usw., doch sind grundsätzlich in der heutigen Literatur Begriffsbildungen mit „astral“, die generell im Gegensatz zu „physisch“ gebraucht werden, geläufiger. Die > Anthroposophie differenziert die Begriffe und unterscheidet einen Ätherleib und einen A., der für sie der „Seelenleib“ ist. Dieser bildet eine Hülle um den physischen Körper und schließt alles Seelische in sich ein.
Der wichtigste Grund zur Annahme eines A. sind die > Außerkörperlichen Erfahrungen (AKE), die von einem relativ großen Teil der Bevölkerung gemacht werden.
Zur historischen Bedeutung des A. sei Zedlers Universallexikon (1732) zitiert, wo es unter dem Stichwort „Astral-Geist“ heißt: „Nach einiger Meynung ist dieses der dritte Theil des Menschen. Es soll der Mensch aus dem Leibe, der Seele und dem Astral-Geiste bestehen. Dieser letztere wäre sowohl ein Cörper, doch weit dünner als der Leib. Er käme von den Gestirnen her; mit dem Leibe habe er die Empfindung, Grösse und andere Eigenschaften, mit den Seelen aber die Gedancken und Begierden gemein. Er wäre nicht wie die Seele unsterblich, sondern er vergienge.“ Als Zeugen dieser Ansicht werden Paracelsus, > van Helmont, Jakob > Böhme, Valentin Weichel, Willisius und > Webster genannt.
Nach Paracelsus besteht der Mensch demnach aus drei wesentlichen Teilen, den sog. „großen Substanzen“ Körper, Seele und > Astralgeist bzw. > Sternenleib. Letzterer, den er wegen seiner Ähnlichkeit mit dem Firmament so nennt, besteht aus Luft und Feuer und ist der Träger des seelischen Vermögens sowie die Grundlage der paranormalen Manifestationen, was später auch Du Prel annimmt. Alle drei Teile gehen laut Paracelsus nach dem Tod eines Menschen wieder in ihren Ursprung zurück, d. h. der Körper in die Erde, die Seele zu Gott, und der A. verwandelt sich allmählich wieder in Luft, was sich jedoch über einen wesentlich längeren Zeitraum hinzieht als der Zerfall des physischen Körpers. Ähnlich wie Paracelsus schreibt auch Rüdiger dem Menschen drei Wesensteile zu, den Körper und einen doppelten Geist, mens und anima (phys. divina lib.1 cap.4 Sect 4). Während der Mensch die Kraft zu denken und zu urteilen hat und sich gleich nach dem Tod vom Körper loslöst, um in die Ewigkeit einzugehen, ist die Anima auf lange Sicht zum Tod verurteilt, doch so, dass sie „nicht alsbald von dem Cörper scheide, sondern bisweilen um denselben herumschweiffe und mit einem zarten Leib umgeben, noch unterschiedene Verrichtungen nach den in dem Leben geistlichen und cörperlichen eingedruckten Ideen herfür bringe“ (Zedler, Bd. 20 1739, 721). Auch der Arzt > Jung-Stilling sieht eine Dreiheit von physischem Körper, A. und Geist.
Nach der zeitgenössischen Definition von Miers ist der A., der nur wenig feinstofflicher als der physische Körper ist, „das ätherische Gegenstück oder der Schatten des Menschen“ und zu unterscheiden von der Astralseele. Er ist Träger der Lebenskraft und kann, ja muss trainiert werden. Im Schlaf wandert der A. mit dem Ich in höhere Sphären, während er sich beim Tod mit dem Ich und Ätherkörper vom physischen Körper loslöst, wobei der Ätherkörper mit dem A. noch drei Tage verbunden bleibt (Miers). Der bulgarisch-französische Philosoph und Pädagoge Omraam Mikhaël > Aivanhov unterscheidet neben dem physischen Körper 5 weitere, subtile Körper: den astralen, mentalen, kausalen, buddhischen und atmischen (Frenette, 35). Aus neuerer Sicht beschreibt Amit Goswami in seinem Buch “Physics of the Soul” 5 “bodies of consciousness”: physical, vital, mental, supramental intellect, unlimited blissbody (Goswami 104).
Die Sichtbarkeit dieses feinstofflichen Astralkörpers ist umstritten. Nach neueren Definitionen ist der A. die „unsichtbare, den menschlichen Körper erfüllende und umschließende ,Seelenhülle‘ (= Perisprit)“ (Zahlner), „im Gegensatz zur Seele der physische Träger des Lebenskörpers“ (Sahihi), und Mattiesen (III, 155) nennt den A. die „feinere“ Leiblichkeit des Menschen, die nur unter bestimmten Bedingungen sichtbar werden kann (Zahlner). Du Prel hielt den A. dagegen für generell unsichtbar. Sensitive berichten jedoch immer wieder, den A. sehen zu können, was mit einem großen Teil der Berichte von Außerkörperlichen Erfahrungen übereinstimmt. So wird ganz im Einklang mit den modernen AKE schon im > Tibetanischen Totenbuch von einem strahlenden > Bardo-Körper berichtet, der nach dem Tod bei der „übernormalen Geburt“ „aus Wunsch geboren“ wird und dem physischen Körper ähnelt (Evans-Wentz, 234f.).
Anfang des 20. Jhs. stellte der Berliner Ingenieur Fritz Grunewald bei seinen Forschungen außerhalb des menschlichen Körpers, und zwar mehrere cm über dem Kopf, Polbildungen magnetischer Felder fest, die er mit der Vorstellung eines Ätherleibs in Verbindung brachte (Bonin). Auf der Suche nach einem Meta-Organismus experimentierte in den 70er Jahren der Biologe Viktor Injuschin in Alma Ata, Kasachstan, mit einem hypothetischen Bioplasma-Körper, einem Elektronen-Protonen-Feld, dessen Verwandtschaft zum A. er für möglich hielt (Injuschin 1972). > Seelenexkursion, > Astralwallen.

Lit.: Zimmermann, Werner: Das Leben nach dem Tode im Lichte der parapsychologischen Forschung. Erlebnisse, Beweise, Erklärungen. München: Drei Eichen Verlag, 1948; Zedler, Johann Heinrich: Grosses vollständiges Universal-Lexikon. Halle und Leipzig: Johann Heinrich Zedler, 1732ff.; Nd. Graz, Austria: ADEVA, 1961–62; Hart, Hornell: Towards a New Philosophical Basis for Parapsychological Phenomena. New York: Parapsychology Foundation (Parapsychological Monographs No.6), 1965; Fodor, Nandor: Encyclopaedia of Psychic Science, U.S.: University Books, Inc., 1966; Zahlner, Ferdinand: Kleines - Lexikon der Paranormologie. Hg. v. A. Resch. Abensberg: Josef Kral, 1972; Injuschin, Viktor M.: Report from Alma-Ata, in: B. Herbert / M. Cassirer: Parapsychology in USSR. In: Journal of Parapsychology (1972); Bonin, Werner F.: Lexikon der Parapsychologie und ihrer Grenzgebiete. Frankfurt a. M.: Fischer, 1981; Frei, Gebhard: Probleme der Parapsychologie. Innsbruck: Resch, 1985 (Imago Mundi; 2); Drury, Nevill: Lexikon des esoterischen Wissens. München: Droemer Knaur, 1988; Shepard, Leslie A. (Ed.): Encyclopedia of Occultism & Parapsychology. In Two Volumes. Detroit: Gale Research Inc., ³1991; Sahihi, Arman: Das neue Lexikon der Astrologie. 1400 Begriffe der Kosmologie, Astronomie, Astrophysik und Astrologie. Genf; München: Ariston, 1991; Miers, Horst E.: Lexikon des Geheimwissens. München: Goldmann, 1993; Frenette, Louise Marie: Omraam Mikhaël Aïvanhov. A Biography. Liverpool / U.K.: Suryoma, 1999; Goswami, Amit: Physics of the Soul. The Quantum Book of Living, Dying, Reincarnation, and Immortality. Charlottsville: Hampton Roads Publishing Company, Inc., 2001.

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 1