Asklepios

Asklepios (griech.; lat. Aesculapius, Äskulap), aus der griechischen Mythologie bekannter Heilgott, der ursprünglich eine chthonische, d. h. im Innern der Erde hausende Gottheit, ein thessalischer Ortsdämon, war. So stand das älteste Heiligtum von A. in Trikka (heute: Trikala) in Thessalien. Die Priester von A. bildeten eine Zunft, in deren Kreis das medizinische Wissen als Geheimnis gehütet und unter dem Siegel der Verschwiegenheit weitergegeben wurde. Fastengebote, Träume und Visionen spielten in den Therapien der > Asklepiaden, wie sich die antiken Ärzte nach ihm benannten, eine wichtige Rolle.
Später wurde A. teilweise auch als Heros verehrt, wobei die Grenzen zwischen unsterblichem Gott und sterblichem Heros fließend sind. Nach einer der verschiedenen Geburtssagen ist A. der Sohn von Ischys und Koronis. Nach einer anderen, späteren, Sage soll > Apollon sein Vater sein. Als Koronis, die bereits mit A. schwanger war, auf Wunsch ihres Vaters Ischys heiratet, erfährt Apollon von dem Unglück durch einen Raben, dessen weißes Federkleid seitdem schwarz ist. Er tötet seinen Konkurrenten, reißt seinen Sprössling aus dem Mutterschoß heraus und bringt ihn auf den Pelion. Hier wird der kleine A. von > Cheiron in die > Kräuterheilkunde eingeweiht und zum Arzt ausgebildet. Nach anderen Überlieferungen sei er von > Hermes Trismegistos, dem ägyptischen Gott > Thoth, in die Geheimnisse der Heilkunde eingeführt worden. So wurde im hellenistisch-römischen Ägypten sein Name auf > Imhotep übertragen.
Auch sein wichtigstes Attribut, die > Schlange – uraltes Symbol des Erdgeistes – hat sich A. auf dem Pelion herangezogen. Sie begleitet ihn und später auch seine Tochter > Hygieia fast ununterbrochen. Andere Attribute, die auf seine wissenschaftliche Heilkunst verweisen, sind Bücherrolle und Tafel, während dem > Asklepiosstab (Äskulapstab) wohl ursprünglich eine heute nicht mehr erkennbare religiöse Bedeutung zugrunde gelegen haben muss. Der Schlangenstab des A., für den es ein erstes Zeugnis im 2. Jh. v. Chr. gibt, hat als Symbol für den Arztberuf die Zeiten bis heute überdauert. Weitere Kennzeichen für A. sind ein Kranz aus > Heilpflanzen, aus > Lorbeer, aus Fichtenzweigen und ein Mohnbüschel; auch > Zypresse, Pinie und > Ölbaum werden ihm zugeordnet.
Nicht nur durch eine der ihm zugeschriebenen Ehefrauen, Lampetie, der Tochter des Sonnengottes > Helios, wird A. immer wieder mit dem Licht in Zusammenhang gebracht. Auch der apollinische Einfluss spielt hier eine Rolle.
Die reiche Kinderschar des A., um die sich eine ebenso reiche Mythologie rankt, spaltet sich in zwei Gruppen, die seine beiden Seiten, die hygienische und die ärztliche, widerspiegeln. Panakeia und Iaso repräsentieren z. B. die heilerische Ader des A., während Hygieia und Aigle für den zusammengehörigen Bereich von Gesundheit, Licht und Glanz stehen.
Die Bedeutung des A. war nicht immer nur auf den heilerischen Bereich beschränkt, er war anfangs vielmehr ein orakelnder > Erdgeist mit unbegrenztem Wirkungskreis, nicht wie andere Erdgeister auf einen bestimmten Ort beschränkt. Erst später wurde dem allmächtigen Gott A. von dem Orakelgott schlechthin, Apollon, seinem Vater, das Spezialgebiet der Heilorakel zugewiesen.
Die Erfahrung der Heilkunst des A. wurde u. a. in der Einrichtung des > Tempelschlafs (griech. enkoímesis), der > Inkubation, gemacht, und zwar nicht nur von ungebildeten Leuten, sondern auch von bedeutenden Persönlichkeiten, wie den Schriftstellern Aristarch und Theopomp sowie dem Philosophen Krantor: der Kranke fällt im Heiligtum in einen tiefen Schlaf, begegnet im Traum dem helfenden Gott und erwacht schließlich geheilt und genesen. Neben der spontanen Heilung im Tempelschlaf wird aber auch von einer Heilung durch die dem Schlaf anschließende Interpretation der Träume berichtet, zu der bisweilen ein Traumdeuter benötigt wurde. Es galt, die im Traum gegebenen Anweisungen des Gottes zu verstehen. Solche Inkubationsstätten befanden sich immer an gesunden Orten, so etwa auf Aigina und Kos, in Athen, Epidauros, Haleis und auch in Rom.
Mit seiner ärztlichen Kunstfertigkeit schießt A. jedoch über das Ziel hinaus: er erweckt Tote wieder zum Leben. Diesen Fehler, den er nach Pindar aus Goldgier begangen hat, muss er mit seinem Leben bezahlen und wird vom Blitz des wütenden > Zeus aus Angst, dass A. die ganze Menschheit unsterblich mache, in den > Hades geschleudert. Doch A. ist nicht wirklich tot, er wird vielmehr aus der sichtbaren Welt auf eine höhere Daseinsebene entrückt (Rohde 1903, Bd. 1, 142).
Die Verehrung des A. verbreitete sich ab dem 6./5. Jahrhundert über ganz Griechenland. Vielerorts entstanden vor allem auf dem griechischen Festland, den ägäischen Inseln, hier besonders Kos, an der kleinasiatischen Westküste, an der thrakisch-makedonischen Küste und in den griechischen Kolonien im Westen sog. > Asklepieien. Bei jeder Neugründung wurde die Schlange als Symbol des Gottes in feierlicher Prozession an den neuen Platz der Verehrung gebracht. A. verdrängte als Gott immer mehr den alten Heilgott Apollon. Das Hauptzentrum war Epidauros. Dort stand der Tempel in einem weiten Hain, wo keine Frau gebären und kein Mensch sterben durfte.
Als Rom 293 v. Chr. von einer furchtbaren Pest heimgesucht wurde, befahl das Orakel, den A. aus Epidauros zu holen. Man schickte eine Gesandtschaft von zehn vornehmen Männern dorthin. Als sie, dort angelangt, die prachtvolle Statue des Gottes bewunderten, kroch unter dem Altar eine große Schlange hervor, die sich an den erstaunten Gesandten vorbei zum Tempel hinaus und geradewegs zum Hafen und auf das Schiff der Römer zubewegte, wo sie sich in jenem Raum, den die Gesandten der Römer bewohnten, zusammenrollte. Diese beurteilten das Phänomen als höchst günstig. Sie hielten die Schlange für den Gott, reisten ab und kamen unversehrt in Italien an. Die Schlange, die bis dahin ganz ruhig liegen geblieben war, besuchte nun den Tempel des A. zu Antium. In Rom verließ sie das Schiff, kroch auf eine Tiberinsel und dort in das Schilf. Von dem Augenblick an hörte die Pest auf. Die Römer erbauten dem A. an der Stelle einen Tempel und brachten Kranke zur Heilung herbei. In der frühen Kaiserzeit wurde A. als Allheiler zu einem der meistverehrten Götter. Marc Aurel ließ sich sogar selbst als Asklepios mit einem Schlangenstab als Szepter darstellen.
Es gibt ferner Hinweise, dass an manchen Orten, so etwa auf dem Peloponnes, in A. nicht nur der Arzt der Kranken, sondern auch der Beschützer der Gesunden verehrt wurde.
Die bildlichen Darstellungen zeigen A. gewöhnlich mit Schlange und Stab (Asklepiosstab), umgeben von seinen der Heilkunst ebenfalls mächtigen Familienmitgliedern, unter denen seine Tochter > Hygieia (vgl. dt. Hygiene), welche die Gesundheit verkörperte, eine besondere Rolle spielte. Römische Münzen zeigen ihn zusammen mit > Salus, die der griechischen Hygieia entspricht.

Lit.: Paulys Real-Encyclopädie. Hg. v. G. Wissowa u. a. Stuttgart, 1894ff., Bd. 2 1896; Rohde, Erwin: Psyche: Seelenkult und Unsterblichkeitsglaube. Ausgew. u. eingel. von Hans Eckstein. Leipzig: Kröner, 31929; Kerényi, Karl: Der göttliche Arzt. Studien über Asklepios und seine Kultstätten. Darmstadt: Wiss. Buchges., 21956; DKP = Der Kleine Pauly. Lexikon der Antike. Auf der Grundlage von Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft. Hg. Von Konrad Ziegler u. Walther Sontheimer, 5 Bde. Stuttgart: Alfred Druckenmüller 1964–1975; Papadakes, Theodoros: Epidauros: d. Heiligtum d. Asklepios. München; Zürich: Schnell und Steiner, 1978; Forstner, Dorothea: Neues Lexikon christlicher Symbole. Innsbruck: Tyrolia, 1991; Schott, Heinz: Die Chronik der Medizin. Gütersloh: Chronik Verlag im Bertelsmann-Lexikon Verlag, 1993; Edelstein, Emma J. u. L.: Asclepius: collection and interpretation of the testimonies. Baltimore, Md.: John Hopkins University Press, 1998; Riethmüller, Jürgen: Asklepios: Heiligtümer und Kulte; Hg. Tonio Hölscher. Heidelberg, Neckar: Archäologie u. Geschichte, 2005.

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 1