Asien

Asien (assyr. assu, Sonnenaufgang, Osten) entspricht dem lateinischen Wort Orient bzw. dem deutschen Morgenland und liegt mit seiner kontinentalen Landmasse bis auf die Tschuktschen-Halbinsel in Ostsibirien ganz in der östlichen Hemisphäre, nördlich des Äquators. Nur die südöstlichen Inseln (Teile Indonesiens) befinden sich auf der Südhalbkugel der Erde. Ganz im Osten bildet die Beringstraße mit einer Breite von etwas mehr als 80 km eine Grenze zu Amerika und im Südosten stellt die Inselwelt des indonesischen Archipels eine Verbindung zu Australien her. Asien ist mit mehr als 44 Mio. km2 der flächenmäßig größte Erdteil, der von mehr als der Hälfte der Erdbevölkerung bewohnt wird.
Nach dem griechischen Historiker Herodot (500–424 v. Chr.), der als erster Völkerkundler gilt, fungierte als Namensgeberin des Erdteils > Asia, die Gattin des lichtbringenden > Prometheus.
Asien gilt als die Wiege der Hochkulturen (Babylon-Assyrien, Persien, Palästina-Syrien, > Indien und > China), der Weltreligionen (> Hinduismus, > Buddhismus, > Taoismus, > Konfuzianismus, > Parsismus, > Judentum, > Christentum, > Islam), des Menschengeschlechts und Ausgangspunkt der großen Völkerwanderungen nach Amerika (> Indianer), in die Südsee (> Melanesier, > Mikronesier, > Polynesier) und nach Westen (> Hunnen, Mongolen, > Tartaren, > Türken).
Die Hauptrassen sind gelbhäutige Mongolen, hellhäutige Europäide und dunkelhäutige Negride.
Zu den wichtigsten Sprachen gehören das Indogermanische (Slawen, Armenier, Perser, Inder), Uralische (Samojeden), Kaukasische (Georgier, Tscherkessen), Semitische (Juden, Araber), Altaische mit den Türksprachen wie Türkisch, Jakutisch, Tatarisch und Kirgisisch sowie Mongolisch und Tungusisch, ferner das Drawidische (Sprache der indischen Ureinwohner) und das Indochinesische mit dem Chinesischen, Siamesischen, Tibetischen und Birmanesischen. Das Japanische nimmt eine Sonderstellung ein; es ist stark mit austro-asiatischen, malaio-polynesischen Elementen und Resten der Ainu-Sprache gemischt. Zu den Ainu-Sprachen gehören auch die paläoasiatischen Sprachen der sibirischen Ureinwohner. Für Südasien nennt die Sprachwissenschaft die als austro-asiatische Gruppe bezeichnete Malakka-Sprache, die Mon-Khmer-Sprache und die Munda-Sprache, die von den nichtdrawidischen Ureinwohnern Indiens gesprochen wird. Isoliert von allen Sprachgruppen Asiens steht das Koreanische.
Neben den Trägern der Hochkulturen gibt es in den Randzonen sowie in den Rückzugsgebieten eine Fülle von Altvölkern, wie Jenissejer, Tschuktschen, Jukagiren, Giljaken, Korjaken, Samojeden, auch Altasiaten genannt; sie werden teilweise von tungusischen, Turk­(Jakuten) und mongolischen Stämmen überlagert, die aus dem Süden kamen. Auch für die Tungusen Sibiriens sind die > Schamanen, die eine Verbindung zum Geisterreich herstellen und Techniken des Geisterverkehrs, der Ekstase, der Trance und Besessenheit beherrschen, kennzeichnend.
In den weiten Steppenländern Mittelasiens leben islamische Turkvölker (Kirgisen, Usbeken, Turkmenen, Tataren) in streng vaterrechtlicher Ordnung.
Die Völker Südwestasiens, zumeist Araber oder arabisierte Stämme, sind Kamel-, Pferde- und Ziegenhirten (Beduinen) oder Ackerbauern (Fellachen). Zu den versprengten Gruppen der altindischen Urbevölkerung gehören die Wedda auf Ceylon, die Bhil, die Chenchu und die Kadar sowie die Toda, die schon zu den Drawiden gerechnet werden. Die verschiedenen Stämme mit drawidischen und mundaischen Sprachen kennen Geister, Dorf-, Berg- und Astralgottheiten. In Hinterindien finden sich Pflugbauern und Büffelzüchter, wie die Birmanen, Thai, Khmer und Annamiten.
Zu den Altstämmen Malakkas (Malaysia) zählen die kleinwüchsigen, dunkelhäutigen und kraushaarigen Semang.
Die einst zahlreichen Naturvölker des weiten asiatischen Kontinen ts, wie die Hunsa, die eine indogermanische Sprache sprechen, die Tibeter, die Ainu auf den nordjapanischen Inseln und die Negritos auf den Andamanen und Philippinen, erlebten in den letzten Jahrzehnten durch die gesellschaftlichen und politischen Umwälzungen eine starke Inkulturation und bewegen sich heute im Spannungsfeld zwischen Tradition und globaler Marktwirtschaft, sodass in der Bewältigung des konkreten Lebens sowohl magische Praktiken als auch wirtschaftliche Kalkulation zum Einsatz kommen.
Über die vielschichtigen paranormologischen Aspekte in Geschichte und Leben der asiatischen Völker wird im Rahmen der Darstellung der einzelnen Völker und Volksgruppen berichtet.

Lit.: Nölle, Wilfried: Völkerkundliches Lexikon: Sitten, Gebräuche und Kulturbesitz der Naturvölker. München: Goldmann, 1959; Bernatzik, Hugo A. (Hg.): Neue große Völkerkunde: Völker und Kulturen der Erde in Wort und Bild. Köln: Buch und Zeit Verlagsgesellschaft mbH, 1968; Parker, Derek: Das Übernatürliche: Atlas des Paranormalen. s.l.: RVG Interbook Verlagsgesellschaft, 1993; Golowin, Sergius: Die großen Mythen der Menschheit. Freiburg i. Br. u. a.: Herder, 1998; Werner, Roland: Trans-Kulturelle Heilkunde: der ganze Mensch; Heilsysteme unter dem Einfluss von Abrahamischen Religionen, Östlichen Religionen und Glaubensbekenntnissen, Paganismus, Neuen Religionen und religiösen Mischformen. Frankfurt a. M. u. a.: Peter Lang, 2001; Quack, Anton: Heiler, Hexer und Schamanen; die Religion der Stammeskulturen. Darmstadt: Primus Verlag; Wiss. Buchges., 2004.

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 1