Artemisia

Artemisia (Artemisia spp.), Pflanzengruppe der A.-Arten, von denen einige der griechischen Göttin > Artemis geweiht sind, wie etwa > Beifuß und > Wermut. In Indien sind manche A.-Pflanzen > Vishnu und > Shiva, in Ägypten der > Isis geweiht. A., d. h. Artemispflanze, war auch der Name, mit dem Plinius die Pflanze > Ambrosia bezeichnete (Plinius, XXVII, 28, 55).
A.-Arten gehören auf der ganzen Welt nicht nur zu den heilenden, sondern auch zu den magischen Pflanzen. Laut einem griechischen Papyrus sollen sie Liebe und Freundschaft wecken können.
A.-Arten wurden seit der Antike nicht nur als > Aphrodisiaka eingesetzt, sondern auch als Abortativa, Tonika und Fruchtbarkeitsmittel sowie als Heilmittel bei verschiedenen Krankheiten, häufig bei gynäkologischen Problemen (Rätsch 1998, 75).
Verschiedenen A.-Arten wird weltweit die Funktion eines Schutzmittels gegen > Zauberei nachgesagt. So sollte in deutschsprachigen Gegenden Artemisia abrotanum, die Stabwurz bzw. Eberraute oder Eberreis, vor allem Kinder davor beschützen, verzaubert zu werden, während die Artemisia vulgaris, der fast an jedem Wegesrand wachsende > Beifuß, den Teufel in die Flucht schlagen und das Haus vor allen Ungeheuern beschützen soll (Werner).
Speziell als Verjüngungsmittel dienen in China die Samen einer bestimmten A.-Art, der Artemisia kreiskiana, während die Eskimos die Artemisia tilesii bei entzündlichen Hauterkrankungen, Gelenkschmerzen und Husten anwenden. Viele nordamerikanische Indianer verwenden A.-Arten wie Wermut (> Absinth) bei Rheuma und Menstruationsbeschwerden. Die Artemisia frigida ist den Apachen hilfreich nach einem heftigen Schrecken, und bei den Navaho ist die Artemisia scopulorum das Mittel der Wahl, um sich vor > Alpträumen und bösen Geistern zu schützen. Die Artemisa ludviciana, der Heilige Steppenbeifuß, spielt von allen > Zauberpflanzen die wichtigste Rolle bei den nordamerikanischen Indianern. In den Anden Perus ist vor allem der Wermut eine geläufige Heilpflanze, die u. a. böse Winde vertreiben soll. In Nordchile kommt die vermutlich halluzinogen wirkende Copa tola (Artemisia copa PHIL.) vor; sie soll nach Aussage der Bewohner der in der Atacamwüste gelegenen Oase Toconse Träume hervorrufen (Rätsch 1998, 75).
Fast alle Arten der A. enthalten Thujon, einen im > ätherischen Öl der Pflanze enthaltenen hochwirksamen, toxischen Stoff, dessen Wirkungsbereich von narkotisch, psychedelisch über wurmtötend, abortativ bis antidotisch reicht.
A.-Arten sind auch beliebte > Räucherpflanzen, so Pati (Artemisia sp.), eine Beifußart aus dem Himalaya, die zur Meditation geräuchert wird, oder auch die westeuropäische Artemisia caerulescens ssp. gallica (WILLD.), die sehr viel Thujon enthält.

Lit.: Plinius, C. Secundus: Naturalis historiae libri XXXVII. Hg. v. Lud. Jan und Carol. Mayhoff. Lipsiae, 1892–1898; Rätsch, Christian: Lexikon der Zauberpflanzen aus ethnologischer Sicht. Graz: ADEVA, 1988; Werner, Helmut: Lexikon der Esoterik. Wiesbaden: Fourier, 1991; Rätsch, Christian: Heilkräuter der Antike in Ägypten, Griechenland und Rom. Mythologie und Anwendung einst und heute. München: Diederichs, 1995; Rätsch, Christian: Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen. Aarau, CH: AT, 1998.

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 1