Artemis

Artemis (griech.), bekannte Göttin der griechischen Mythologie, die der römischen > Diana entspricht, während sie im Vorderen Orient mit > Kybele und > Anahita gleichgesetzt wird. Als Tochter von > Zeus und Leto ist sie die Zwillingsschwester des > Apollon. A. ist vorrangig eine Naturgottheit, eine Göttin des Erdsegens, des Wachsens und Gedeihens, wohl ursprünglich eine ehemalige Berg- und Waldnymphe. Blumige Auen sind ihr heilig, während in manchen A.-Kulten auch Bäume geheiligt wurden, etwa der Olivenbaum, die Zeder, die Zypresse, die Eiche und der Nussbaum. Die weibliche Gottheit gilt als Hüterin der Übergänge, sowohl von Geburt und Erwachsensein als auch von Wildheit und Kultur, hier mehr auf der Seite von Geburt und Jugend, dort mehr auf Seiten der Wildheit. Sie ist besonders für Frauen zuständig, für die Stufen ihres Lebens, wie Jungfräulichkeit, Initiation, Hochzeit und Entbindungen, aber auch für ihren Tod. Die mit dem Bogen ausgestattete A. ist nicht nur die Herrin der Tiere, sondern sie geht auch mit Apollon auf die Jagd, wobei sie nebenbei bisweilen Frauen tötet. So gilt ihr unsichtbares Geschoss neben sichtbaren Krankheiten als mögliche Todesursache. Als Todes- und Kriegsgöttin wurden der A. auch Menschenopfer dargebracht. A. rückt in die Nähe der > Hekate und der Unterwelt, ja sie bewegt nach Theokrit die Tore zum > Hades (Müller-Ebeling, 146).
Nicht nur die wilde, auch die kultivierte Natur, wie Ackerbau und Viehzucht, gehört zu ihrem Revier.
A. schützt die Wege und die Wanderer, gebietet über die Gewässer und begleitet den Lauf der Flüsse wie den Lauf der Schiffe. Sie ist die Retterin aus aller Not. Sie ist die Göttin des Handels und Wandels, der Marktplätze und schließlich des gesamten Staatswesens. Auch Schwüre, besonders von Frauen, werden in ihrem Namen abgelegt.
Die Frauengöttin A., die Despoina Gynaikon, symbolisiert die ewig jugendliche Schönheit und sympathisiert mit allen schönen Künsten. Sie wird mit Phorminx bzw. Kitharis, einer Art Leier, die auch ihr Bruder liebte, in Verbindung gebracht, ebenso mit Tanz und Gesang (Ololygai) junger Mädchen, der durch die Haine klang. Der Frühling ist ihre Jahreszeit.
Noch weitere Funktionen werden der großen Gottheit zugeschrieben: A. beherrscht die Heilkunst wie ihr Zwillingsbruder Apollon. Aus der Ilias (V 447f) wissen wir, dass sie den verwundeten Aineias heilte. Warme Heilquellen wie die der Thermopylen und von Astrya, Marios und Phigalia sind ihr heilig. Wegen ihrer engen Verwandtschaft mit Apollon wird sie auch mit der > Mantik und verschiedenen Orakelstätten wie in Adrasteia, auf Delos, bei Seleukeia und in > Delphi in Zusammenhang gebracht.
Ist Apollon auch Sonnengott, so ist A. gleichzeitig Mondgöttin. Die Verehrung der A. als Mondgottheit, griech. Selene, ist mit Sicherheit erst aus stoischer Zeit bezeugt. Damit wurde die allwaltende Naturgöttin, deren Verantwortungsbereich auch Pflanzenwachstum und Fruchtbarkeit oblagen, zur Göttin des > Zaubers, der Zauberinnen und > Hexen sowie der > Zauberkräuter. Die ihr heiligen Pflanzen waren u. a. verschiedene > Artemisia-Arten wie Wermut (> Absinth) und > Beifuß, aus denen man berauschende Getränke herstellte, „um sich ekstatisch mit der in den Frauen verkörperten Göttin zu vereinigen“ (Rätsch, 39). Die magischen Kräuter wurden bevorzugt bei Mondschein gepflückt oder im Mondschein getrocknet. A. wurde auch als Lichtträgerin, Phosphoros, verehrt.
A. (röm. Diana) und Apollon (röm. Apollo) gehörten zu den 217 v. Chr. in Rom eingeführten sechs griechischen Götterpaaren.

Lit.: Paulys Real-Encyclopädie. Hg. v. G. Wissowa u. a. Stuttgart, 1894ff, Bd. 2 1896; Bertholet, Alfred: Wörterbuch der Religionen, 4. Aufl./neu bearb., erg. u. hg. v. Kurt Goldammer. Stuttgart: Kröner, 1985; Waldenfels, Hans (Hg.): Lexikon der Religionen. Begründet von Franz König unter Mitwirkung zahlreicher Fachgelehrter. Freiburg u. a.: Herder, 1987; Rätsch, Christian: Lexikon der Zauberpflanzen aus ethnologischer Sicht. Graz: ADEVA, 1988; Lurker, Manfred: Lexikon der Götter und Dämonen. Stuttgart: Kröner, 21989; DNP = Der Neue Pauly. Enzyklopädie der Antike. Hg. v. Hubert Cancik u. Helmuth Schneider, Bd. 1ff. Stuttgart; Weimar: J. B. Metzler, 1996ff.; Bd. 2 1997; Müller-Ebeling, Claudia u. a.: Hexenmedizin. Aarau, CH: AT, ²1999.

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 1