Arktische Hysterie

Arktische Hysterie, in der Inupiak-Sprache, die in Teilen Kanadas, Alaskas und Grönlands gesprochen wird, Pibloktoq genannt, ein zeitlich begrenzter Anfall in Form eines psychotischen Besessenheitsverhaltens, das fließende Übergänge zur neurotischen Form aufweist. Das Verhalten beginnt mit Müdigkeit, Deprimiertheit oder Verwirrtheit. Danach folgt ein „Anfall“ mit Ausziehen oder gar Herunterreißen der Kleidung, hektischem Laufen und Rollen im Schnee, mit > Glossolalie, also Lautäußerungen ohne erkennbaren Sinn, die den Eindruck einer in sich geschlossenen Sprache erwecken und sogar Wortneuschöpfungen enthalten, mit > Echolalie: echoartigem, willenlosem, automatenhaftem Wiederholen und Nachreden von vorgesprochenen Worten, Lauten und kurzen Sätzen, mit > Echopraxie: Haltungs- und Bewegungsimitation, d. h. automatenhaftem, echoartigem Nachahmen vorgezeigter Bewegungen, besonders der Gliedmaßen, gelegentlich sogar mit > Koprophagie (Kotessen) und schließlich mit Zerstörung von Eigentum. Die meisten dieser Anfälle dauern nur wenige Minuten.
Der Anfall endet mit einem Bewusstseinsverlust mit Amnesie (Erinnerungslosigkeit) und völliger Rückkehr zur Normalität der Person. Daher wird Pibloktoq von den Inuit (wie sich die Eskimos selber nennen) nicht als eine Krankheit, sondern als ein natürliches Phänomen angesehen, das jeden treffen kann.
Solche hysterischen Zustände sind natürlich nicht nur auf die Arktis beschränkt. Auf Vergleichbares stößt man in Indonesien und Malaysia (> Latah und > Amok), im Kongo und in Malawi (Banga, Misala), in Südafrika (Ebenzi), bei den Ureinwohnern von Honduras (Grisi siknis), den Ureinwohnern Japans (Imu), auf den Philippinen (Mali-mali) und bei den Bantu, Zulu und verwandten afrikanischen Gruppen (Ufufuyane). Bei den Eskimos kursieren übrigens noch Begriffe, die wahrscheinlich das Gleiche bezeichnen (Nangiarpok, Kayak-Angst und schließlich Quajimaillituq).

Lit.: Haas, Jochen U.: Schamanentum und Psychiatrie: Unters. zum Begriff d. arkt. Hysterie u. zur psychiatr. Interpretation d. Schamanentums zirkumpolarer Völker. München: Renner, 1976; Resch, Andreas: Veränderte Bewußtseinszustände: Träume, Trance, Ekstase. Innsbruck: Resch, 1990.

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 1