Arkandisziplin

Arkandisziplin (lat. arcanum, verschwiegen, geheim; disciplina, Pflicht), disciplina arcani, Pflicht zur Geheimhaltung. Geheimhaltung ist ein Grundzug gesellschaftlichen Lebens in Gruppen, besonders wenn Gruppenbräuche oder Gruppenkenntnisse aus irgendeinem Grund zu hüten sind. So war es altchristliche Sitte, über gewisse kultische Handlungen wie Taufe, und Eucharistie vor Ungetauften zu schweigen oder nur in dunklen Andeutungen zu sprechen. Sichere Zeugnisse hierfür finden wir zu Anfang des 3. Jhs. (Tertullian, Origenes, Traditio apostolica, 16). Den Höhepunkt erreichte diese christliche A. im 4. Jh. und in der ersten Hälfte des 5. Jhs. Im Osten haben die Liturgien manche Spuren der A. bewahrt, wie die Aufforderung des Diakons nach der Katechumenenmesse an die Uneingeweihten, sich zu entfernen. Verletzung des Schweigegebots war als Gottesfrevel strafbar. Der Hauptgrund dieses Brauches erklärt sich aus der Einwirkung antiken Mysterienwesens auf das frühe Christentum.
Die Bezeichnung A. wird zwar als wissenschaftlicher Terminus in das 17. Jh. verlegt, doch ist er sachlich und sprachlich spätantik und für die Mysterienwelt von besonderer Bedeutung, was auch Isaac Casaubon (1559–1614) betont. Für die Kirche bestand jedenfalls kein Grund, ein der griechisch-römischen Kultur geläufiges Ausdrucksmittel, dessen sich Unterricht und Frömmigkeit bedienten, wie gerade bei den Mysterien vielfach verwendet, zu ihren Zwecken nicht dienstbar zu machen, gehört doch Geheimhaltung grundsätzlich zum Mysterienkult wie zu geheimen und elitären Gesellschaften.
So waren die Aufzeichnungen der > Essener, einer vorchristlichen jüdischen Gruppierung, in einer Art Geheimschrift abgefasst, bei der die normale Buchstabenform umgedreht wurde.
Die > Esoterik als Gegenbewegung zur > Exoterik stand grundsätzlich nur den Eingeweihten offen, verbunden mit klaren Festlegungen, wer einzulassen und wer auszuschließen sei und welche Strafe dem Bruch der A. folgen solle. Die Lehrinhalte wurden so formuliert und die Rituale so abgehalten, dass nur Eingeweihte sie verstehen konnten, die zum Schweigen über alles Gehörte, Gesehene, Wahrgenommene und Erkannte verpflichtet waren.
Die > Alchimisten verbargen den Außenstehenden ihr Wissen durch Geheimschriften (magische > Alphabete), geheime Symbole bzw. Bilder, mit denen sie ihr Wissen Außenstehenden verbargen.
Jede Satansorganisation (> Satanimus) pflegt eine strenge „Arkandisziplin“. Eingeweihte Mitglieder dürfen unter martialischer Strafandrohung wie Folter, Vergewaltigung oder Tod keine Informationen über die Infrastruktur und den Organisationsgrad der Gruppe nach außen weitergeben.
In der > Freimaurerei ruht das Geheimnis in den Gelöbnisworten, die der Lehrling bei der Aufnahme dem Meister vom Stuhl nachspricht. Er gelobt, über das Brauchtum, die Erkennungszeichen und die innere Angelegenheit Verschwiegenheit zu wahren.
Auf die Arkandisziplin im öffentlichen Leben, der politischen Parteien, wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Institutionen, insbesondere bei geheimen Forschungsprojekten, beim Geheimdienst und kriminellen Vereinigungen sei hier nur ganz allgemein verwiesen.
In einer Zeit des Aufdeckungsjournalismus und der Möglichkeit weltweiter Kommunikation hat die Arkandisziplin zur elektronischen Dauerkontrolle geführt.

Lit.: Casaubon, Isaac – Polyaenus / Stratagematum libri octo Polyaenus; Is. Casaubonus graece nunc primum edidit, emendavit, & not is illustravit. Adiecta est etiam Iusti Vulteij latina versio Lugduni: Ioan.Tornaesium typ. 1589; Harnack, Theodosius: Der christliche Gemeindegottesdienst im apostolischen u. altkatholischen Zeitalter. Erlangen: Bläsing [Deichert], 1854; Deml, Franz: Christliche Einweihung: eine Studie auf der Grundlage von Prophetie und paulinisch-alexandrinischer Gnosis. Bietigheim / Württ.: Turm-Verlag, 1968; Ewers, Gerd A.: Geheimnis und Geheimhaltung im rabbinischen Judentum. Berlin: de Gruyter, 1975; Anrich, Gustav: Das antike Mysterienwesen in seinem Einfluss auf das Christentum. Nachdr. d. Ausg. Göttingen, Vandenhoeck u. Ruprecht, 1894. Hildesheim: Olms, 1990; Jacob, Christoph: Arkandisziplin, Allegorese, Mystagogie: ein neuer Zugang zur Theologie des Ambrosius von Mailand. Frankfurt/M.: Hain, 1990; Lennhoff, Eugen / Posner, Oskar / Dieter A. Binder (Hg.): Internationales Freimaurerlexikon. Überarb. u. erw. Neuaufl. d. Ausg. v. 1932. München: Herbig, 2000.

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 1