Arabien

Arabien, vielleicht das Ursprungsland der Semiten, besteht – abgesehen von ertragsfähigen Randgebieten – in der Hauptsache aus Wüsten und Steppenland. Die Bewohner waren auf das Leben von Nomaden bzw. Halbnomaden angewiesen. Für die vorislamische Kultur war das Stammesbewusstsein die tragende Kraft, die in der Macht der kultischen Sitte zum Ausdruck kam. Den Kult prägten heilige Bäume und Steine. Bäume wurden mit Gaben behängt und Steine mit dem Blut von Tieren, seltener von Menschenopfern, bestrichen. Den Verstorbenen brachte man Haaropfer dar und unternahm zu heiligen Zeiten unter dem Schutz des Gottesfriedens Wallfahrten zu Festen, die mit Märkten verbunden waren. Zum Kult selbst gehörten der Priester (kahin) sowie der „Seher“ zur Erkundung des Willens Gottes und zur Mitteilung der Orakel.
Diese vorislamischen Vorstellungen wurden von Mohammed anerkannt und leben zum Teil bis heute fort (Amulette, Talismane, Wahrsagung). So war die Magie, obwohl zum Teil verboten, für Mohammed und seine Zeit durchaus Realität, die auch im Kult ihren Niederschlag fand. Der Hauptkultmittelpunkt Mekka mit seiner Kaaba, der Behausung des „schwarzen“ und eines weißen Steines, mit dem wunderkräftigen Zamzambrunnen und anderen benachbarten Heiligtümern kann als ein eminenter > Ort der Kraft bezeichnet werden.
Zudem befassten sich die Araber bereits seit dem 8. Jh. mit > Alchemie. Inmitten einer ihnen fremden Kultur nahmen sie sich zuerst derjenigen Wissenschaften und Künste an, an die sie direkt Anschluss fanden und aus denen sie unmittelbar Nutzen ziehen konnten. Das waren neben > Astrologie vor allem Medizin und Alchemie. Allerdings ist die Alchemie nie in das kulturelle Zentrum des Islam vorgedrungen. Sie blieb ein Seitenthema zum eigentlichen Kulturthema, der Religion Mohammeds.
Sicher ist hingegen, dass der arabische Artikel „al“ prägend für die Bezeichnung Alchemie ist, wenngleich das arabische Wort kimija nicht genuin arabisch, sondern ein Lehnwort ist (Schütt, 176). Jedenfalls symbolisiert „al“ den Übergang von der griechisch-ägyptischen Theia techne (göttliche Kunst) zu einem eigenständigen arabischen Unternehmen. Zum Zentrum der arabischen Alchemie wurde Bagdad, das nach dem Sturz der Umayaden und dem Aufstieg der Abbasiden zur Hauptstadt des Kalifats geworden war.
Hingegen ist Jabir ibn Hayyan, auch Dschabir Arabicus genannt, der um die Mitte des 8 Jhs. gelebt haben soll und dessen latinisierter Name > Geber lautet, nicht der mittelalterliche Autor alchemistischer Texte, die als Schriften-Corpus mehr als 500 Titel umfassen, darunter allerdings einige mit nur wenigen Seiten, denn das früheste und wichtigste dieser Werke ist die Summa perfectionis magisterii (Die höchste Vollendung des Meisterwerks), das vermutlich gegen Ende des 13. Jhs. in Latein verfasst wurde.
Im Allgemeinen unterscheiden die arabischen Gelehrten zwischen der > Weißen (tariqua al mahamuda) und der > Schwarzen Magie (tariqua al madnuna). Muhammad Ibn Ishaq an-Nadim (Christa, 144) sagt in seiner zwischen 987 und 1010 verfassten Schrift Fihrist, dass es in beiden Formen um das Dienstbarmachen der Geister geht, vor allem auch durch den Einfluss der göttlichen Namen. Gab sich Ibn Ishaq an-Nadim der Magie gegenüber distanziert, so war Abu Hamid Muhammad > al-Ghazali von der Macht der Zauberei überzeugt, wenngleich er jene Formen der Zauberei ablehnte, die mit Illusionskunst und Talismanherstellung zu tun haben. Zu den angewandten Beschwörungs- und Weissagungstechniken gehören vor allem die > Nekromantie und die > Astralmagie. In der > Mystik spielen die Buchstaben eine wichtige Rolle.
Ab dem 12. Jh. mehren sich die Übersetzungen von über 100 arabischen Schriften ins Lateinische. Auf Geheiß Alfons’ des Weisen wurde 1252 eine Übersetzung des Werkes „Ziel des Weisen“ (Gayat al-hakim) angefertigt, welches die arabischen Quellen als „Handbuch der Magie“ überhaupt bezeichnen. Die Autorschaft ist umstritten, weshalb das Manuskript als > Picatrix des > Pseudo-Magriti in die Literatur eingegangen ist.
Wie im europäischen Mittelalter wächst dann auch bei den Arabern die Tendenz, vielfältiges Material der Verfasserschaft einer griechischen Autorität zuzuschreiben.

Lit.: Jamme, Albert: Le panthéon sud-arabe préislamique d’après le sources èpigraphique. Louvain, 1947; Wellhausen, Julius: Reste arabischen Heidentums: Gesammelt u. erl. Berlin: de Gruyter, 1961; Pseudo-Magriti, Abu-’l-Qasim Maslama Ibn-Ahmad al-: Picatrix: das Ziel des Weisen. Transl. into German from the Arabic by Hellmut Ritter and Martin Plessner. Repr. [der Ausg.] London 1962; Nendeln, 1978; Habiger-Tuczay, Christa: Magie und Magier im Mittelalter. München: Diederichs, 1992, S. 143–155; Brockelmann, Carl: Geschichte der arabischen Literatur (GAL). Leiden [u. a.]: Brill, 1996.

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 1