Apollon

Apollon (griech.). Gott aus der griechischen Mythologie, dessen Abstammung in vielen Varianten geschildert wird: er sei als Patroos der Sohn des Hephaistos und der > Athena, oder als Nomios der Sohn des Silen, oder der Sohn des Korybas, des Magnes oder des Ammon oder schließlich der Sohn von > Zeus und Leto. Nach einer der variierenden Geburtssagen soll Leto ihn, an den Berg Kynthos gelehnt, geboren haben. Als Geburtsort ist vor allem die Insel Delos relevant, die bei seiner Geburt, bei der auch ein Hahn, der Künder der Morgenröte, zugegen war, in goldenem Licht erstrahlte. Die entscheidende Tat in seinem Leben war der Kampf mit dem Drachen > Python in > Delphi. A. tötete auch versehentlich den von ihm geliebten Helden Hyakinthos.
A.s Bedeutung ist äußerst vielseitig. Er kann sowohl als Meeresgott als auch als Himmelsgott und als Gott der Erde erscheinen. Er ist der Gott des Ackerbaus, der Viehzucht, Beschützer von Tieren und Pflanzen, wobei einige Pflanzen und Bäume sich seiner besonderen Zuneigung erfreuen, wie die Palme, die Platane, die Terebinthe, die > Myrte, die > Mistel, der Efeu, der > Rosmarin, der > Lorbeer, und die > Weinrebe. Das dem A. heiligste Kraut ist wohl das > Bilsenkraut (> Apollinaris).
Selbst mit den wallenden Locken eines Jünglings geschmückt, ist A. auch der Beschützer der Jugend. Der Gott liebt gymnastische Übungen und sportliche Wettkämpfe und gilt als der erste Sieger der Olympischen Spiele. In diesem Zusammenhang ist auch seine Funktion als Helfer in Streitfällen zu sehen. Als Schwurgott verteidigt A. das heilige Recht der Eide und ist der Hüter von Verträgen. Er kann die Seele des Menschen von Schuld befreien und ebenso den Körper von Krankheit.
A., der auch als Vater des Heilgottes > Asklepios gilt, ist selbst Gott der Heilkunde. Als sein Attribut gilt die Schlange. Überhaupt kann A. alles Übel abwenden. Er ist gleichzeitig der Sühnegott, der sogar Orest vom Muttermord reinigt. Das > Delphinion in Athen, nach einem Beinamen A.s benannt, war eine der ältesten Sühnestätten (Rohde 1903, Bd. 1, 274). Und schließlich spielt A. auch eine Rolle als Seelengeleiter (Rohde 1903, Bd. 2, 388, 2).
Die wichtigste Bedeutung des A. liegt aber in der Mantik, im Voraussehen des Zukünftigen. Diese Gabe der > Präkognition soll A. von > Glaukos oder von > Pan gelernt haben, und wenn A. weissagt, so tönt durch ihn lediglich die Stimme des Zeus. A. hat seine Sehergabe seinerseits an > Kasandra, Helenos, die > Sibyllen, Mopsos, Melampus, Polypheides, die Iamiden, Amphiaraos u. v. a. weitergegeben. Es gibt viele antike Stätten, an denen A.-Orakel durchgeführt wurden, wie Adrasteia, Delos, Kyme und Sura, von denen das pythische > Orakel in Delphi am berühmtesten ist.
Im A.-Kult gab es verschiedene Arten der Erstellung eines Orakels. Häufig wurde das Schauen der Zukunft durch äußere Anlässe hervorgerufen, so z. B. in Delphi durch kalte Dämpfe, die aus der Erde hervorstiegen, oder durch das Rauschen des Lorbeers. Oder die > Pythia musste Lorbeerblätter im Mund zerkauen, bevor sie sich auf ihren Dreifuß zum Sehen begab. In der Ilias verleiht A. dem Kalchas die Gabe, den Vogelflug zu deuten. Im A.-Kult zu Argos benötigte die Seherin Opferblut, durch dessen Genuss sie sich in den prophetischen Rausch versetzen konnte. A. konnte seine Weisheit auch durch Träume offenbaren, und so erschien er einmal Platons Mutter Periktione im Traum und auch einer Priesterin, die sich nachts im Tempel von Patara eingeschlossen hatte.
Wie in der apollinischen Mantik, so spielt auch in der Musik die Begeisterung eine entscheidende Rolle, und Homer bezeugt A.s Liebe zur Kitharis, einer Art Leier. A. wird auch als der Gott des Tanzes verehrt.
Als dem Gott des Meeres und der Schifffahrt wird A. der berühmte > Dreizack zugeordnet, und der > Delphin ist sein heiliges Tier.
Auch „Gott der Bergeshöhen“ genannt, schwingt sich A. in höhere Gefilde hinauf und wird ab dem 6. vorchristlichen Jh. schließlich als Gott der Helligkeit und des Lichtes sowie als > Sonnengott, als Helios, verehrt.
Platon ordnet in seiner Pneumalehre eine der vier Formen des göttlichen Anhauchens (Epipnoia) dem A. zu (Resch, 239).
Zu den 217 v. Chr. in Rom eingeführten 6 griechischen Götterpaaren gehörte auch das Zwillingspaar A. (röm. Apollo) und > Artemis (röm. Diana).

Lit.: Paulys Real-Encyclopädie. Hg. v. G. Wissowa u. a. Stuttgart, 1894ff., Bd. 2 1896; Rohde, Erwin: Psyche. Tübingen und Leipzig: J. C. B. Mohr; hg., ausgew. u. eingel. von Hans Eckstein. Leipzig: Alfred Kröner, 31929; Resch, Andreas: Pneuma. In: Grenzgebiete der Wissenschaft 32 (1983) 4, 234–243; Bertholet, Alfred: Wörterbuch d. Religionen. 4. Aufl. / neu bearb., erg. u. hg. v. Kurt Goldammer. Stuttgart: Kröner, 1985; Waldenfels, Hans (Hg.): Lexikon der Religionen. Begründet von Franz König unter Mitwirkung zahlreicher Fachgelehrter. Freiburg; [u. a.]: Herder, 1987; Lurker, Manfred: Lexikon der Götter und Dämonen. Stuttgart: Kröner, 21989; Forstner, Dorothea: Neues Lexikon christlicher Symbole. Innsbruck: Tyrolia, 1991.

 

   © Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch                          
Lexikon der Paranormologie, Bd. 1